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Andrea Nahles: "Vorbilder, die dem Sozialstaat ein Gesicht geben"

4. November 2015

Bundesarbeitsministerin überreicht 12 Bürgerinnen und Bürgern Verdienstorden für soziales Engagement

Überreichung Bundesverdienstkreuz Gruppenbild

Für ihr herausragendes soziales Engagement im Kampf gegen soziale Ausgrenzung überreichte die Bundesministerin für Arbeit und Soziales Andrea Nahles am Dienstagabend zwölf Bürgerinnen und Bürgern die auf ihren Vorschlag vom Bundespräsidenten verliehenen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Die Ordensträger haben sich mit besonderem Engagement für die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung eingesetzt, sie haben sich für sozial benachteiligte Menschen stark gemacht oder sehr erfolgreich für den Erhalt von Arbeitsplätzen und die berufliche Eingliederung gekämpft.

Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles:

Mitmenschlichkeit und Bürgersinn kann auch der beste Sozialstaat nicht verordnen. Er kann und muss aber beides fördern – durch gute Rahmenbedingungen, durch Bildung und nicht zuletzt durch eine Kultur der Anerkennung. Auch deshalb verdienen diejenigen, die sich stark machen für die Sache der sozialen Verantwortung, eine besondere Würdigung. Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, heute zwölf Bürgerinnen und Bürger auszuzeichnen, die dem Sozialstaat ein Gesicht geben und beispielhaft zeigen, woraus unsere Gesellschaft lebt: aus der Kraft des Gemeinsinns.

Den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten:

Für ihr Engagement für die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilnahme von Menschen mit Behinderung:

  • Silvia Becker, Erfurt
    Silvia Becker gründete vor ca. 10 Jahren den Verein "Aktiv-Leben-Konzept e.V." in Erfurt. Dank des umfassenden Angebots des Vereins gelingt es, behinderten Menschen zu einem selbstbestimmteren Leben zu verhelfen und ihre Lebensbedingungen dauerhaft zu verbessern. Besonders am Herzen liegt Silvia Becker das Angebot von Assistenzdienstleistungen. Mit ihrem Verein setzt sie sich dafür ein, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen statt in separierten Sonderschulen in regulären öffentlichen Schulen in Thüringen am Unterricht teilnehmen können.
  • Hans Jürgen Seipke, Hamm
    Selbst seit Geburt gehörlos, engagiert sich Hans Jürgen Seipke seit 46 Jahren für gehörlose Menschen. Als sportbegeisterter Mann setzte er sich schon in seiner Jugend zusammen mit anderen dafür ein, durch Sport in der Gemeinschaft die Isolation gehörloser Menschen aufzulösen und Lebensfreude gemeinsam zu erleben. Im Laufe der Jahre ist der von ihm mitbegründete Verein "Gehörlosen-Sport Club Hamm e.V." zu einer festen Größe in der Gehörlosenszene von Hamm geworden. Dank des Engagements von Hans Jürgen Seipke gelang auch die Einrichtung und Mitgestaltung der Gehörlosenberatungsstelle im Jahr 1990, in der gehörlose junge Menschen beim Start in das Arbeitsleben unterstützt werden.
  • Sabine Häcker, Berlin

    Sabine Häcker engagiert sich seit 23 Jahren als Trainerin im Verein "Hunde für Handicaps - Verein für Behinderten-Begleithunde e. V.". Der Verein bietet Hundehaltern mit Behinderung seit 1990 einen Treffpunkt, um sich auszutauschen, zu unterstützen und um andere zu ermuntern, den Traum vom eigenen Hund zu verwirklichen. Dieser aufwändigen und anspruchsvollen Aufgabe, die eigenen Hunde zu tierischen Assistenten auszubilden, widmet sich Sabine Häcker seitdem gemeinsam mit anderen Vereinsmitgliedern. Die Tiere helfen bei alltäglichen Aufgaben und ermöglichen somit mehr Selbstbestimmung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

  • Inge Weigel, Marksuhl

    Inge Weigel hat es sich seit 25 Jahren zur Aufgabe gemacht, die Interessen von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen zu vertreten. Mit der Gründung des Verbandes der Behinderten in Eisenach 1990 wollte sie behinderten Menschen zu mehr Selbstverwirklichung in der Gesellschaft verhelfen. Der Einrichtung einer Geschäfts- und Beratungsstelle sowie der Eröffnung eines Fahrdienstes für Menschen mit Behinderung folgte im Oktober 1991 die Trägerschaft für ein heilpädagogisches Wohnheim für Schwerstmehrfachbehinderte. Den Bewohnern bietet die Einrichtung ein zweites Zuhause, in dem sie die Hilfen erhalten, die sie für ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben in der sozialen Gemeinschaft benötigen. Seit 1994 führt der Verband auch eine integrative Kindertagesstätte, das "Haus der kleinen Freunde", sowie eine Fördertagesstätte für schwerstmehrfachbehinderte Erwachsene.

Für ihr Engagement für die berufliche Eingliederung in den Arbeitsmarkt und den Erhalt von Arbeitsplätzen:

  • Jürgen Janku, Murnau-Herchendorf

    Bei der Gründung seiner Firma Seitwerk GmbH, einem Unternehmen der neuen Medien, im Jahr 2004 war Jürgen Janku eines besonders wichtig: jungen Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen und mit vielschichtigen Problemen Chancen zu eröffnen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, jenen jungen Menschen berufliche und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten, die anderenorts chancenlos wären. Er stemmt sich gegen Chancenungleichheit und Talentausgrenzung und lebt stattdessen eine offene, vielfältige Unternehmenskultur. Daneben initiiert, finanziert und begleitet er viele ehrenamtliche Projekte für Jugendliche, Flüchtlinge und in Not geratene Menschen. Dazu zählen mehr als ein Dutzend anerkannte Hilfsprojekte wie Schülerhilfe Nepal, Plant for the Planet, Jesuit Refugee Services und weitere.

  • Heinz Junge, Hemmingen

    Mit großem Einsatz setzt sich Heinz Junge für eine wirtschaftsnahe Berufsorientierung junger Menschen ein. Seit 13 Jahren ist er ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Ausbildung Jugendlicher im Burgenlandkreis e.V. Mit Lernpartnerschaften, Schülerpraktika, Berufsinformationsmessen und einer Praktikumsbörse wurden regionale Meilensteine gesetzt. Dies bringt die praxisnahe Ausbildung im Burgenlandkreis voran und lässt Jugendlichen eine passgenaue Ausbildung entsprechend ihrer Kompetenzen zugutekommen. Als Vorstandsmitglied des Bündnisses für Innovation, Wirtschaft und Arbeit sowie der regionalen Beschäftigungsinitiative "Pakt für Arbeit Zeitz", einem Netzwerk zur Stimulierung für mehr Beschäftigung und Ausbildung in der Region, koordiniert er mit besonderem Engagement die Zusammenarbeit der Wirtschafts- und Sozialpartner und ist der Motor der Umsetzung der "Jugendstrategie des Burgenlandkreises".

  • Norbert Kunz, Potsdam

    Norbert Kunz ist Gründer und Geschäftsführer einer gemeinnützigen Agentur für soziale Innovationen, der Social Impact gGmbH. Mit ihr werden sozial benachteiligte Jugendliche darin unterstützt, sich eine selbstständige Existenz aufzubauen. Sein Projekt enterprise wurde als Best-Practice von der EU und der OECD ausgezeichnet. Mit dem Projekt enterability startete Herr Kunz 2003 als Erster in Deutschland eine Existenzgründungsberatung für Menschen mit Behinderung, die darin unterstützt werden, sich einen nach individuellen Bedürfnissen ausgerichteten Arbeitsplatz zu schaffen. Seit 2011 baut die Social Impact gGmbH Labs auf, in denen Gründungsprogramme für Social Startups angeboten werden. Verständnis für junge Unternehmensgründer, finanzielle Beratung und Unterstützung nach ökonomischer Bewertung sowie ein Netzwerk von sozialen Beratern, persönlichen Coaches und Betriebswirten zeichnen seine Projekte aus.

  • Sina Marie Trinkwalder, Augsburg

    Sina Marie Trinkwalder hat es als junge Unternehmerin in nur fünf Jahren geschafft, die profitable Textilmanufaktur Manomama in Deutschland zu etablieren, obwohl die Textilindustrie regional schon lange nicht mehr existierte. Sie hat bewusst ein Unternehmen gegründet, das gezielt jene beschäftigt, die viele andere aufgrund ihres Alters, fehlender Ausbildung oder sonstiger Nachteile im Lebenslauf als "nicht vermittelbar" und "nicht wettbewerbsfähig" einstufen würden. Mittlerweile sind es 150 Frauen und Männer, die anderswo als chancenlos abgestempelt waren. Neben der Herstellung und Fertigung legt sie ihr Engagement aktuell auch auf die Produktionsbedingungen der Baumwollerzeuger in Afrika und kämpft vor Ort für faire Abnahmebedingungen. Manomama engagiert sich auch für Flüchtlinge. Sina Marie Trinkwalder und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nähen in ihrer Freizeit Baby- und Kinderbekleidung und stellen mit ihren Kooperationspartnern Willkommenspakete zusammen.

Für ihr Engagement für sozial benachteiligte Menschen:

  • Marvin Willouhby, Hamburg

    Marvin Willoughby stammt aus Hamburg Wilhelmsburg und engagiert sich dort dafür, jungen Menschen Regeln beizubringen und ihnen die Erfolgserlebnisse und Anerkennung zu verschaffen, die ihnen oft verwehrt geblieben sind. Er hat mit Sportwissenschaftlern und Sozialpädagogen den Verein "Sport ohne Grenzen" gegründet, um dem Rückgang und Mangel von Sportangeboten entgegenzuwirken und Kindern und Jugendlichen ein attraktives, sinnvolles sowie innovatives Freizeitprogramm anzubieten. Das, was als Sport-Sozialarbeit begann, ist inzwischen ein Stützpunktverein des Programms "Integration durch Sport". Im Programm "Learn4Life" übernimmt Marvin Willoughby den Sportunterricht in Hamburger Schulen und verbindet mit dem sportlichen auch das Training von sozialen Kompetenzen wie Team- und Konfliktfähigkeit, Toleranz und Fair Play. Mit den "Piraten Hamburg" treibt er die Basketball-Nachwuchsarbeit voran und zeigt: Mannschaftsgeist und der Glaube an sich selbst bringen einen weiter als man zunächst für möglich hält.

  • Sadija Klepo, München

    Sadija Klepo wurde in Bosnien-Herzegowina geboren und floh mit ihren drei Kindern 1992 vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland. Schon kurz nach ihrer Ankunft startete sie Hilfsaktionen, sammelte Geld- und Sachspenden, die sie zum größten Teil selbst in Konvois in die Kriegsgebiete auf dem Balkan brachte. Aus diesen Hilfsaktionen entstand der gemeinnützige Verein "Hilfe von Mensch zu Mensch e.V.", der seit nunmehr 23 Jahren für die Flüchtlings- und Migrantenselbsthilfe in Deutschland steht. Sadija Klepos besonderes Interesse gilt der Sorge um eine bessere Zukunft für die junge Generation. So gründete sie 1998 und 2002 Partnerschaften zwischen Münchner Schulen und Schulen auf dem Balkan und startete 2002 in Zusammenarbeit mit dem Münchner Jugendamt die Initiative zur Sprachförderung und sozialen Integration von unbegleiteten traumatisierten Minderjährigen. Seit 2001 moderiert sie die multiethnische, mehrsprachige Sendung "Blickpunkt Balkan" auf Radio Lora und informiert in der Sendung "Portal Migration" zur Situation der Flüchtlinge und Migranten in Deutschland.

  • Herbert Weimer, Oranienburg

    Herbert Weimer gründete im Herbst 1990 mit Freunden das überkonfessionelle Christliche Jugendzentrum Oranienburg (CJO), das sich für die Belange von Kindern und Jugendlichen einsetzt. Das CJO arbeitet heute als anerkannter Träger der freien Jugendhilfe. Herbert Weimer begeistert kommunale Vertreter, Unternehmer und Sponsoren für seine mutigen Vorhaben. Darunter finden sich zahlreiche Wohnprojekte, die Kita Leuchtturm und Begegnungsstätten, in denen sich vor allem junge Mütter austauschen können und vielfältige Unterstützung erfahren. Darüber hinaus konnten Jugendliche mit dem Resozialisierungsprojekt "Schwitzen statt Sitzen" den Wert der eigenen Arbeit schätzen lernen und einen Teil des durch sie entstandenen Schadens wiedergutmachen. Die zahlreichen Angebote des CJO sind für Oranienburg unverzichtbar geworden und tragen zum positiven sozialen Klima der Stadt bei.

  • Aga Zia Farsin, Edewecht

    Aga Zia Farsin wurde in Afghanistan geboren und kam mit 20 Jahren nach Deutschland. Früh erkannte er: Sport kann neben der Sprache ein Tor zur Gesellschaft sein. Er gründete mehrere Sportgruppen im Ammerland und brachte so Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Seit 1989 begleitet er Flüchtlinge, die in Deutschland eine neue Heimat suchen. Er gründete im selben Jahr einen Verein im Ammerland, der für Toleranz, Akzeptanz und Respekt zwischen den dort lebenden Menschen steht, bietet Unterstützung bei Behördenangelegenheiten und leistet Hilfestellung und Beratung bei pädagogischen und sozialen Problemen. Wertvolle Flüchtlingssozialarbeit hat er auch bei der Errichtung einer Beratungsstelle des Landes Niedersachsen geleistet. Durch seine Tätigkeit in der Berufsschule pflegte er enge Kontakte zur Wirtschaft und ermöglichte die Einrichtung spezieller Klassen für junge Flüchtlinge, die so ein Berufsvorbereitungsjahr absolvieren konnten. Für den Wiederaufbau des Schulwesens in seinem Heimatland sammelt Aga Zia Farsin Spendengelder und organisiert Partnerschaften mit deutschen Schulen.

Fotos von der Ordensübergabe an die Ausgezeichneten können Sie ab Mittwochmorgen, 10 Uhr, unter folgendem Link zum kostenfreien Abdruck herunterladen: https://www.picdrop.de/thomasrafalzyk/1WdNaY.