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Rede

"Künstliche Intelligenz ist kein Zauberwerk"

Liebe Gäste, sehr geehrte Damen und Herren!

Ja, als frisch gebackene Ministerin bin ich tatsächlich das erste Mal auf der re:publica. Aber das heißt nicht, dass mein Ministerium das erste Mal hier ist. Ganz im Gegenteil: Das BMAS war seit 2018 bei der re:publica immer schon dabei und das auch aus gutem Grund. Denn hier werden in der Tat die zentralen Fragen der digitalen Gesellschaft vorgedacht, kritisch hinterfragt, debattiert und manchmal, so habe ich gehört, auch gefeiert. 

Ich möchte Ihnen heute einige Überlegungen zum Thema KI in der Arbeitswelt schildern. Vor allem darüber, wie wir sicherstellen wollen, dass es dabei eben auch gerecht zugeht. Und das ist mir besonders wichtig. 

Meine Damen und Herren, liebe Gäste, 

Sie wissen besser als ich: Künstliche Intelligenz ist kein Zauberwerk. Künstliche Intelligenz basiert auf menschlicher Intelligenz. Und KI ist natürlich nur so gut wie die Daten, mit denen sie trainiert wird. Und daraus leiten wir zwei Fragen ab: Wer ist an der Entwicklung von KI beteiligt und wie kommt sie anschließend zum Einsatz? Und das sind weit mehr als nur technische Fragen. Nicht umsonst hat der neue Papst in seiner ersten Rede Künstliche Intelligenz thematisiert. Er bezeichnete KI als eine der – und ich zitiere – „größten Herausforderungen der nächsten Jahre für die Verteidigung der Menschenwürde, der Gerechtigkeit und der Arbeit“. Zitat Ende. Denn letztlich geht es beim Einsatz von KI um diese sehr grundlegenden Fragen, nämlich die grundlegenden Fragen von Zugang und Teilhabe, von Rechten und Pflichten, von Gewinnern und Verlierern. 

Und ich kann das nur unterstreichen, wie wir den Einsatz von digitalen Technologien gestalten. Das ist die Zukunftsfrage unserer Zeit und die Zukunftsfrage unserer Arbeitsgesellschaft. Dabei hat die digitale Zukunft schon längst angefangen. Sie alle kennen die Dynamik, und sie kennen vor allem die Dynamik dieser technologischen Innovation. Es ist schon atemberaubend, mit welcher Geschwindigkeit dies unseren Alltag und das Arbeitsleben verändert. Auch die weltweiten Investitionen in Milliardenhöhe verdeutlichen die großen Erwartungen in diese Technologie. 

Meine Damen und Herren, liebe Gäste, 

wir spüren längst die Auswirkungen auch auf unsere Arbeitswelt. Aktuell nutzt jedes fünfte Unternehmen bei uns KI. Das betrifft rund 60 Prozent der Beschäftigten. Bis Ende des Jahrzehnts wird es in Deutschland keinen Job mehr ohne KI geben. Und ich finde, das ist eine wahnsinnige Ansage. Tatsache ist:  KI bietet enorme Chancen für die Arbeitswelt und auch für die Arbeitsplätze der Zukunft. Wenn wir unseren Wohlstand in Deutschland halten wollen, müssen wir Wettbewerbsfähigkeit und auch Produktivität steigern. KI kann dabei ein Motor sein, um unsere Wirtschaft an dieser Stelle auch wieder in Schwung zu bringen. Und schließlich haben wir, wie ich finde, gute Voraussetzungen dafür. 

Wir haben eine exzellente Forschung und auch KI-Entwicklung. Wir haben kluge Köpfe und einen hohen Grad der Digitalisierung im verarbeitenden Gewerbe. Und Deutschland ist als Volkswirtschaft weltweit Vorreiter bei der Automatisierung mit der weltweit drittgrößten Roboterdichte. Damit haben wir insgesamt ideale Bedingungen, um KI-Modelle im verarbeitenden Gewerbe auch zu nutzen. 

Zudem stehen Unternehmen und Beschäftigte der Technologie zunehmend optimistischer gegenüber. Auch das ist wichtig, denn Chancen entstehen vor allem dann, wenn KI-Technologie auch angewendet wird. Wenn Pflegekräfte dank Spracherkennung bei lästigen Dokumentationspflichten unterstützt werden, wenn Gefahren auf Baustellen frühzeitig erkannt werden oder wenn vorhergesagt werden kann, ob und wann eine Maschine in der Produktionshalle gewartet werden muss. Und so gibt es viele Beispiele, die ich jetzt nicht alle auflisten will, denn diese Aufzählung ist sicherlich noch lange nicht beendet. 

Der Punkt ist: KI kann Beschäftigte entlasten, sie kann Arbeitsprozesse beschleunigen und effizienter machen. Auch die Arbeitsumgebungen können dadurch sicherer werden. Unternehmen können ihre Produktivität steigern. 

Aber bei aller Euphorie müssen wir auch genauer hinschauen, wie KI zum Einsatz kommt. Denn die Technologie könnte auch zur Überwachung von Beschäftigten genutzt werden. Sie könnte Gruppen benachteiligen, je nachdem, wie sie entwickelt und eingesetzt wird, zum Beispiel bei Bewerbungsverfahren. Und genau das wollen wir eben nicht. Und was wir nicht wollen, sind eben auch Bruchlinien in unserer Gesellschaft. 

Meine Damen und Herren, liebe Gäste, 

KI darf nicht zur Trennlinie in unserer Arbeitswelt werden. Und damit will ich zwei Aspekte verdeutlichen. Das eine ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen. Studien zeigen: KI wird am Arbeitsplatz vor allem von jungen, gut ausgebildeten Männern genutzt, übrigens oft informell, ohne Einweisung durch den Arbeitgeber. Zudem sind Frauen in der KI-Entwicklung deutlich unterrepräsentiert. Nur etwa jede fünfte Fachkraft im KI-Bereich ist weiblich. Dabei ist der Fachkräftebedarf in diesem Bereich sehr groß und wir brauchen jeden klugen Kopf. Und auch bei den Unternehmen gibt es Unterschiede. Jedes zweite Großunternehmen setzt bereits KI ein. Bei kleinen Unternehmen ist es nur jedes sechste. Gerade für kleine und mittelständische Firmen gibt es also einen erheblichen Aufholbedarf. 

An diesen Zahlen sehen Sie schon: KI und Digitalisierung sind keine reinen Technologiefragen. Es sind eben auch Gerechtigkeitsfragen. Und wir dürfen nicht zulassen, dass die Schere sich weiter öffnet zwischen Groß und Klein, zwischen Frauen und Männern, auch nicht zwischen Beschäftigungsgruppen, die im Betrieb natürlich auch unterschiedlich sind oder sogar zwischen Generationen. Und deshalb ist das diesjährige Motto der re:publica genau richtig. Generation XYZ. Denn KI kann und soll verbinden und nicht spalten. 

Meine Damen und Herren, liebe Gäste,

diesen Punkt möchte ich noch mal stark machen. Es gibt bei uns einerseits eine hohe Aufgeschlossenheit gegenüber KI und neuen Technologien, andererseits gibt es Menschen, denen die technische Entwicklung viel zu schnell geht. Und das dürfen wir bei aller Begeisterung ebenfalls nicht ignorieren. Und ich sage: Man muss den Menschen ihre Sorgen und Vorbehalte vor der Technologie nehmen, gerade auch am Arbeitsplatz. Ich bin der Meinung, das geht am besten mit Verbinden und Einbinden. Verständnis und Akzeptanz entstehen, wenn man Menschen mitnimmt, also Beschäftigte, Sozialpartner, Unternehmensleitung und gesellschaftliche Gruppen. 

Dabei sind aus meiner Sicht drei Handlungsfelder zentral: Erstens befähigen und Kompetenzen aufbauen. KI ist ein Werkzeug. Aber ein Werkzeugzeug nützt nichts, wenn man nicht weiß, wie man es sinnvoll einsetzt. Daher sind Qualifizierung, Weiterbildung und lebenslanges Lernen der Schlüssel für die digitale Transformation. Das gilt übrigens nicht nur für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sondern auch für die gesamte Gesellschaft. Und das bedeutet: KI darf nicht exklusiv sein. Grundkenntnisse gehören in jede Ausbildung. Jede und jeder muss KI verstehen können, zumindest in den Grundlagen. Vom Azubi bis zur Fachkraft. Und deshalb haben wir übrigens auch im Koalitionsvertrag eine digitale Kompetenzoffensive verankert. 

Zweitens: Teilhabe und Mitbestimmung. KI wird vor allem dann zum Fortschritt, wenn Menschen sie mitgestalten und nicht bloß erleben. Und deshalb müssen die Beschäftigten bei der Einführung von KI mit einbezogen werden. Und ihre Perspektive zählt von Anfang an. Der digitale Wandel ist unsere Chance für mehr Mitbestimmung und mehr Teilhabe und auch mehr Demokratie. Und das gilt nicht nur in Unternehmen, sondern eben auch für unsere Gesellschaft insgesamt. Auch die Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht, mitzureden und mitzugestalten. Und deshalb stärken wir als Bundesministerium für Arbeit und Soziales auch die Zivilgesellschaft mit starken Partnern wie der Caritas, dem Deutschen Roten Kreuz und vielen anderen. Denn technologische Entwicklungen müssen demokratisch sein, sie müssen der Demokratie dienen. Und dafür müssen wir uns aber auch auf klare Regeln verständigen. 

Und das ist mein dritter Punkt an dieser Stelle. Das betrifft insbesondere den fairen Umgang mit Daten im Betrieb. KI darf die Arbeitswelt nicht verschlechtern. Überwachung und Diskriminierung hatte ich vorhin schon als Risiken erwähnt. Auch Arbeitsverdichtung oder der Verlust an Autonomie gehören genauso dazu. Und deshalb sage ich: Unternehmen brauchen auch Regeln. Beschäftigte brauchen Schutz und alle brauchen Klarheit. Was ist erlaubt und wo ist Schluss? Nur wenn das alle wissen, können Unternehmen das Potenzial von KI auch voll ausschöpfen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat deshalb bereits im letzten Jahr einen Entwurf für ein Beschäftigtendatengesetz vorgelegt. Das Gesetz konnte damals nicht mehr verabschiedet werden. Aber ich werde mich dieses Themas noch mal annehmen. 

Meine Damen und Herren, liebe Gäste, 

zum Schluss möchte ich sagen: Die Digitalisierung ändert viel, aber nicht unsere Werte und Prinzipien. Gute Arbeit, Respekt vor der Arbeitsleistung, Teilhabe und Mitbestimmung sind nicht verhandelbar. Sie sind Versprechen, die wir weiterhin einlösen müssen, auch und gerade in der digitalen Arbeitswelt. Und das ist eben auch ein Stück gelebte Demokratie. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, dass Sie genau diese Themen in diesen Tagen diskutieren, dass Sie auch miteinander streiten, vor allem aber, dass sie mitgestalten. Und ich freue mich, wenn ich gleich einen Rundgang mache, noch auf viele Gespräche mit Ihnen an der einen oder anderen Stelle. Vielen Dank bis hierhin und alles Gute weiterhin.