Sehr geehrte Frau Professor Kohlrausch,
sehr geehrte Frau Bogedan,
liebe Kollegen!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Herzlichen Dank für diese Einladung zu einem tollen Jubiläum. Und ich sehe hier im Raum auch viele bekannte Gesichter, insbesondere natürlich aus den Gewerkschaftskreisen. Das ist immer gut. Und, liebe Yasmin, wir beide wissen, wir reden in diesen Tagen sehr, sehr viel miteinander zu den großen Themen, die gerade anstehen. Und eines wurde gerade auch auf dem Video angesprochen: das Thema Rente. Ich bin überzeugt, dass die Alterssicherungskommission tatsächlich ein ausgewogenes Gesamtpaket auf den Tisch gelegt hat. Denn wenn wir jetzt nichts tun – und das ist der Punkt –, dann sinkt das Rentenniveau ab 2031 deutlich und die Beiträge steigen rapide an, ohne dass es irgendwie Aussicht auf Besserung gäbe. Deshalb ist die Botschaft: Nichtstun ist keine Option. Ich glaube, das sehen wir hier. Egal, wie man das Paket hier im Raum bewertet. Aber ich glaube, das sehen wir alle gleich: Dass wir etwas tun müssen. Und deshalb ist diese Reform, wie ich finde, auch eine große Chance. Denn sie macht das Leben besser. Insbesondere für die junge Generation. Und ich weiß auch, dass manches in den Gewerkschaften kritisch gesehen und auch diskutiert wird. Und mir ist auch wichtig, dass wir hier den Austausch miteinander nicht scheuen. Ich bin der festen Überzeugung, dass unser Land beides kann: modern sein oder modern werden und dabei auch sozial gerecht bleiben. Und dafür machen wir, glaube ich, alle, die wir hier unterwegs sind, auch Politik.
Wir alle wissen, Politik beginnt immer mit dem Blick auf die Realität. Wir als Politik können uns dabei in der Tat auf Institute verlassen, die Wegweiser aber auch Impulsgeber sind, weil sie eben nicht nur Fakten und Zahlen liefern, sondern auch eine Haltung haben. Und dazu gehört, wie ich finde, auch das WSI. Ihr Institut macht einen Unterschied, und das seit 80 Jahren. Deshalb sage ich auch hier an dieser Stelle: Hut ab! Und vor allem erstmal herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum.
Acht Jahrzehnte sind für eine Institution wirklich keine Selbstverständlichkeit. Und damit hätte in den Anfängen, glaube ich, auch niemand so wirklich gerechnet. Denn, meine Damen und Herren, als 1946 alles anfing, waren die Zukunftsperspektiven für niemanden einfach. Das Land lag in Trümmern, der deutsche Arbeitsmarkt und die gesamte soziale Ordnung ebenso. Der Stundenlohn eines Facharbeiters zählte damals wirklich nicht viel. Eine amerikanische Zigarette dafür umso mehr. Ausbildung und Qualifikation machten nicht satt. Aus blanker Not nahmen Menschen natürlich auch jegliche Tätigkeit an, teils unter schwersten Bedingungen. In diesen Zeiten lebte man eher von heute auf morgen und von der Hand in den Mund, als man über zehn oder 20 Jahre hätte planen können. Und doch gab es eben nicht nur die Gedanken an morgen, sondern auch die Hoffnung, dass es irgendwann eine bessere Zukunft gibt. Und der Grundstein dafür war gelegt. Die Gewerkschaftsarbeit schlug – zum Glück für unser Land – nach diesen dunklen Jahren von Repression, Verfolgung und Krieg auch neue Wurzeln. Auch die Besatzungsmächte hatten erkannt: Um erneuten Radikalismus zu verhindern, braucht es soziale Ordnung, Stabilität und demokratisch organisierte Interessen. Und so entstanden auch die ersten Gewerkschaften im Nachkriegsdeutschland. Und auch das Wirtschaftswissenschaftliche Institut, das heutige WSI.
Schon damals war klar: Es reicht nicht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Es braucht auch ein akademisches Fundament. Man wusste: Gewerkschaftliche Forderungen mussten durch Forschung untermauert werden, sonst waren sie weniger wert als Papiergeld auf dem florierenden Schwarzmarkt damals.
Meine Damen und Herren, man kann mit Fug und Recht sagen: Das WSI hat den Aufbau der sozialen Marktwirtschaft nicht nur begleitet, sondern auch mitgestaltet. An allen wichtigen Zielen waren Sie damals schon dran: Löhne und Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit und soziale Sicherung, Fragen von Mitbestimmung und Tarifautonomie. Das kommt uns bekannt vor, weil wir gerade in diesen Zeiten genau darüber diskutieren, streiten.
Und Sie haben sich die Realität immer wieder angeschaut und vor allem Veränderungen ausgemacht – ökonomisch, sozial und gesellschaftlich. Wie die Auswirkungen der Ölkrise in den 1970er Jahren, die Fragen von Rationalisierung, Beschäftigungssicherung und Arbeitslosigkeit mit sich brachten. Oder die großen Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt in den 1990er Jahren nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Aber auch die zunehmende Orientierung hin zu Europa, die Globalisierung von Wirtschaft und Arbeit in den Nullerjahren und auch die Auswirkungen der Finanzmarktkrise. Und Sie haben die Veränderungen durch Migrationen und technologischen Wandel mit in den Blick genommen. All diese Entwicklungen hat das WSI wissenschaftlich begleitet. Und all diese Entwicklungen haben gleichzeitig auch das WSI selbst geprägt. Ich glaube, das ist ein bisschen auch in dem Film deutlich geworden. In acht Jahrzehnten hat sich auch das WSI stark gewandelt. Zu den allerersten Mitarbeitenden nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte ein Agrar- und Ernährungsexperte, Stichwort: Kampf gegen Hunger. Heute gibt es Expertinnen und Experten für Gleichstellung und Genderfragen, europäische Mitbestimmung, ökologische Transformation und KI.
Man kann sagen: Das WSI, wie die gesamte Arbeitswelt, hat eine enorme Veränderung hinter sich. Und doch sind die großen Fragen unverändert. Es geht um soziale Sicherheit in Zeiten des Wandels, um faire Löhne und Arbeitsbedingungen und um die gerechte Verteilung von Wohlstand und Chancen. Es sind Herausforderungen, die zeitlos sind und doch in jeder Zeit immer wieder auch neue Antworten brauchen.
Deswegen haben wir als Bundesregierung den gesetzlichen Mindestlohn nach Beschluss der Mindestlohnkommission erhöht und auch ein Tariftreuegesetz geschaffen für Vorgaben des Bundes.
Und deswegen unterstützen wir den Weg in den Arbeitsmarkt – mit der Reform der Grundsicherung hin zu mehr Vermittlung, mit der Stärkung von Jugendberufsagenturen, mit Weiterbildung und Job-to-Job-Transfer, aber auch mit einer gezielten Fachkräfteeinwanderung.
Neue Antworten, das heißt auch: Wir sagen Ja zu den Chancen, die uns auch KI bietet. Wenn wir perspektivisch mit weniger Beschäftigten auskommen müssen, müssen wir als Arbeitsgesellschaft produktiver werden. Und dabei kann KI enorm weiterhelfen. Aber sie darf nicht unreguliert bleiben. Dazu gehört für mich, dass wir unsere Demokratie vor den “Tech Bros” aus den USA schützen und als selbstbewusstes Europa digital souverän werden. Und dazu gehört auch, dass wir nie Maschinen über Menschen stellen. Es geht darum, Fachkräfte zu unterstützen – und nicht, sie zu ersetzen. Und schließlich geht es auch um die Finanzierung des Sozialstaates. Wenn Wertschöpfung mehr und mehr durch Maschinen erbracht wird, dann müssen wir auch darüber reden. Denn was ist denn, wenn KI zu neuem Wachstum führt, aber nicht zu neuen Jobs und besseren Löhnen? In den USA ist das teilweise schon Realität, Stichwort Geisterwachstum.
Ich finde, es geht auch anders. Und das hat die Streikandrohungen der Samsung-Beschäftigten in Korea gezeigt, wie Sie vielleicht gelesen haben. Dort haben Gewerkschaften durchgesetzt, dass Mitarbeitende an den Gewinnen des Unternehmens beteiligt werden.
Ich bin überzeugt: Ein fairer digitaler Wandel ist möglich. Ich bin auch überzeugt, dass sich das WSI genau in dieser Art und Weise einbringen wird. Und ich bitte sogar ganz ausdrücklich darum, weil es an dieser Stelle sehr, sehr wichtig wäre, wie wir mit KI in Zukunft umgehen.
Meine Damen und Herren, die Sozialpartnerschaft in Deutschland ist deutlich älter als das WSI. Es sind beinahe 110 Jahre. Das ist übrigens kein Anlass, sie ins Museum zu stellen. Gerade in der jetzigen Zeit brauchen wir sie mehr denn je, wenn es darum geht, Industriestandorte zu sichern. Wenn es darum geht, Beschäftigte digital fit zu machen für die technologische Transformation, aber auch, wenn es darum geht, mehr Menschen in Arbeit zu bringen und in Arbeit zu halten. Und für all das brauchen wir eben ein Zusammenspiel beider Seiten.
Dazu gehört für mich auch, dass wir die Tarifbindung in diesem Land wieder stärken. Und daran arbeiten nicht nur ich, sondern vor allem auch Sie alle miteinander, gemeinsam mit vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Immer wenn ich höre, der deutsche Arbeitsmarkt sei zu starr, die Beschäftigten zu unflexibel, dann brauche ich mir eigentlich nur die Analysen des WSI anzuschauen. Die zeigen mir ganz deutlich, wie viel Flexibilität und Beweglichkeit jetzt schon gelebt wird, insbesondere im Rahmen von Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen.
Meine Damen und Herren, gute Arbeit braucht eben auch starke Gewerkschaften. Gute Arbeit braucht vor allen Dingen auch eine kluge Forschung. Für beides ist und bleibt das WSI wichtig. Als Denkfabrik der Arbeiterschaft, aber auch als eine eigenständige Kraft. Ich danke Ihnen und vor allen Dingen auch Ihren Mitarbeitern, stellvertretend für alle, die über all diese vielen Jahre am WSI mitgewirkt haben. Und ich freue mich auch deshalb, weil Sie hoffentlich noch viele Jubiläen feiern können und wir hier Ihre Analysen nicht nur entgegennehmen, sondern sie auch lesen und berücksichtigen und daraus die richtigen politischen Schlüsse ziehen.
In diesem Sinne herzlichen Glückwunsch noch mal und Glückauf!