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Rede

"Der Austausch zwischen Gesellschaften war immer Treiber von Entwicklung und Fortschritt"

Rede von Bärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, beim Aktionstag "Zusammenhalt in Vielfalt" am 21. Mai 2025 in Berlin. Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Glückwunsch zum ersten Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt! Dieser Tag ist nötiger denn je.

Denn wir erleben weltweit zunehmend Abschottung. Das reicht von Grenzen und Mauern, die errichtet werden – bis hin zu Diskriminierung von Menschen, die als „anders“ gelesen werden. Die vielfältige Gesellschaft wird als Bedrohung diffamiert, Ängste werden geschürt.

Dabei zieht sich eine Konstante durch unsere Geschichte: Menschen waren schon immer mobil. Sie fliehen vor Krieg und Not. Sie suchen an einem anderen Ort bessere Chancen für sich und ihre Familien. Oder sie wollen schlichtweg andere Kulturen kennenlernen, eine neue Sprache lernen, ein Erasmus-Jahr machen oder als Fachkraft für ein Unternehmen im Ausland arbeiten. Und manche folgen einfach ihrem Herzen – wenn die Partnerin oder der Partner aus einem anderen Land stammt. Auch das kann ein Grund sein, sich aufzumachen in eine neue Heimat.

Die Gründe für Mobilität sind so vielfältig wie die Menschen, die sich auf den Weg machen. Mobilität gehört zu unserer Menschheits- und Kulturgeschichte. Der Austausch zwischen Gesellschaften war immer Treiber von Entwicklung und Fortschritt. Und wenn Menschen sich auf den Weg machen, kommen sie auch irgendwo an. Auch bei uns in Deutschland.

Ich denke an die Zeit der Industrialisierung im Ruhrgebiet: Aus dem damals preußischen Teil Polens wanderten die sogenannten "Ruhrpolen " ein. 1914 gab es über eine Million ausländische Wanderarbeiterinnen und -arbeiter im Deutschen Reich.

Wir haben also wertvolle Erfahrungen, wie Integration gelingen kann.

Aber wir müssen auch aus Fehlern lernen, die in der Vergangenheit gemacht wurden: Stichwort „Gastarbeiter“. Die Menschen, die in den Wirtschaftswunderjahren zu uns gekommen sind, haben am wirtschaftlichen Erfolg des Landes einen großen Anteil. Dennoch ging man zu lange davon aus, dass die Menschen aus Italien, Griechenland, der Türkei, aus Jugoslawien, Portugal, Spanien oder Marokko nur „Gäste auf Zeit“ waren.

Nachdem sie bei uns mit angepackt hatten – unter anderem im Bergbau, in der Stahl- oder Automobilindustrie, – sollten sie in ihre Heimatländer zurückkehren. Viele taten das nicht. Sie blieben. Und ihre Kinder und Kindeskinder sind heute ganz selbstverständlich unsere Kolleginnen, unsere Nachbarn und spielen mit uns im selben Fußballverein. Ich komme aus Duisburg. Ich weiß, wovon ich rede.

Viele andere sind später nach Deutschland gekommen. Auch hier sind die Gründe so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Aber wichtig ist doch eins: Ob Geflüchteter oder Fachkraft. Wer hier lebt, muss eine Chance bekommen, mitzumachen, dazuzugehören, teilzuhaben. 

Ich sage aber auch: Einwanderung ist keine Einbahnstraße. Es braucht Offenheit, Neugier und Austausch in beide Richtungen. Dazu gehört, die Sprache zu lernen und sich einzubringen. Nur wenn alle gemeinsam einen Beitrag leisten, kann Vielfalt gelingen.

Das alles steckt im heutigen Motto: „Zusammenhalt in Vielfalt“. 

Und dennoch sind viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte immer noch Vorurteilen bis hin zu Anfeindungen und offener Diskriminierung ausgesetzt. Das betrifft im Übrigen alle, die vermeintlich „anders“ sind. Die von einer Norm abweichen, die es so gar nicht gibt: Auch Menschen mit Behinderungen, queere oder Trans-Personen machen tagtäglich Diskriminierungs-Erfahrungen.

Und mit dem Aufstieg populistischer Parteien spitzt es sich dramatisch zu: Die offene Gesellschaft wird zum Bedrohungsszenario umgedeutet: Das sogenannte Fremde wird zum Angriff auf unsere Kultur erklärt. Auch das kennen wir leider aus der Vergangenheit, gerade aus der deutschen Geschichte. Und es ist unsere Verantwortung, daraus zu lernen.

Der Furcht vor dem vermeintlich bedrohlich Fremden müssen wir uns als Demokratinnen und Demokraten entgegenstellen: Wir wissen, dass eine vielfältige Gesellschaft verteidigt werden muss. Deshalb ist auch dieser Aktionstag so wichtig: Wir wollen Farbe bekennen. Und wehren uns gegen die, die sich nach Einheitsgrau (oder -braun) sehnen.

Wie aber gelingt es, Vielfalt im Alltag zu leben? Ob in großen Unternehmen oder kleinen Handwerksbetrieben: Im Arbeitsalltag kann man wie durch ein Brennglas beobachten, wie Vielfalt gut funktionieren kann.

So steht es auch in den 15 Thesen zu Zusammenhalt und Vielfalt, die die Initiative kulturelle Integration veröffentlicht hat. In These 14 heißt es, ich zitiere: „Erwerbsarbeit (…) besitzt eine große Integrationskraft. Sie bringt die Gesellschaft und die einzelnen Menschen zusammen.“ Das unterschreibe ich sofort.

Und deswegen ist es mir als Arbeitsministerin wichtig, genau hier anzusetzen. Wir brauchen die Menschen, die zu uns kommen – auch als Fachkräfte. Denn schon jetzt fehlen in vielen Branchen Beschäftigte. Die Folgen spüren wir bereits in unserem Alltag. Folgen, die auch die Wirtschaft in ohnehin schweren Zeiten belasten.

Deshalb hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren viel unternommen, um Menschen in Arbeit zu integrieren:

  • Für eine gezielte Aus- und Weiterbildung,
  • für eine Anwerbung qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland,
  • für eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Eltern,
  • für ein gesundes und altersgerechtes Berufsleben,
  • für eine Arbeitskultur, die motiviert und Teilhabe sichert,
  • und auch für die Unterstützung von Netzwerken, um Menschen das Ankommen bei uns zu erleichtern.

Wir merken, dass diese Maßnahmen wirken.

Beispielsweise haben inzwischen fast 380.000 Menschen, die vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine geflüchtet und zu uns gekommen sind, eine Arbeit aufgenommen. 86 Prozent davon sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Sie zahlen damit in die Rentenversicherung und die Krankenversicherung ein. Und sie werden dringend gebraucht: in der Pflege, in der Gastronomie oder als Berufskraftfahrer.

In wenigen Wochen beginnt die Fußballweltmeisterschaft. Ich bin mir sicher, dass auch Sie sich auf spannende Spiele freuen. In der deutschen Nationalmannschaft spielt es keine Rolle, ob und welche Einwanderungsgeschichte jemand hat. Es geht darum, fair miteinander umzugehen. Es geht darum, dass jeder auf seiner Position um Tore kämpft. Nicht als Einzelkämpfer, sondern in einem Team. Das ist gelebte Vielfalt. Und ich bin sicher, dass sie nicht nur im Fußballstadion funktioniert.

Viele Unternehmen haben das erkannt und setzen längst auf Diversität in der Belegschaft. Diesen Geist brauchen wir in allen Lebensbereichen. Dann kann Gelingen, was heute im Mittelpunkt steht und wofür wir uns gemeinsam jeden Tag einsetzen: Zusammenhalt in Vielfalt. Vielen Dank.