Liebe Natascha Sagorski,
sehr geehrte Damen und Herren,
neulich, Sie wissen das, fand der Internationale Frauentag statt. Der 8. März ist seit 2019 in Berlin ein Feiertag. Dieses Jahr fiel er allerdings auf einen Sonntag. Die berufstätigen Frauen haben also in der Regel am 8. März frei – die Männer übrigens auch.
Jahr für Jahr hören wir Frauen an diesem Tag das Versprechen: Jetzt wird endlich Ernst gemacht mit der Gleichstellung.
Ja, wir haben in Deutschland schon Fortschritte gemacht. Starke und mutige, vor allen Dingen auch engagierte Frauen haben für diese Fortschritte gekämpft. Und sie sind keine Selbstverständlichkeit. Denn weltweit wird immer stärker versucht, Frauenrechte zurückzudrehen. Gewalt und Sexismus nehmen zu. Umso wichtiger ist, dass wir die Stimme erheben, wenn Frauen im Jahr 2026 immer noch Benachteiligungen ausgesetzt sind.
Du, liebe Natascha, hast das getan! Du hast lange für einen verbesserten gestaffelten Mutterschutz von Frauen nach einer Fehlgeburt gestritten. Seit letztem Jahr gilt er. Endlich!
Was es immer noch nicht gibt, ist ein gesetzlicher Mutterschutz für Frauen in Selbstständigkeit. Und deshalb unterstütze ich auch ganz persönlich das Bündnis "Mutterschutz für Alle!“. Im Grundgesetz sind der Schutz und die Fürsorge für alle Mütter verankert.
Wir müssen Themen, die Frauen und Familie betreffen, ins Licht rücken.
Eine Fehlgeburt zum Beispiel erleidet im Schnitt jede dritte Frau. Trotzdem war das lange ein Tabuthema. Aber wenn es um gleiche Rechte und Chancen von Frauen, um ihre körperliche und mentale Gesundheit und um Vereinbarkeit geht, ist das kein "Gedöns“. Es ist keine sogenannte "Frauensache“. Sondern es geht auch Partner oder Arbeitgeber etwas an.
Es geht alle etwas an – ganz nach der Maxime "Familie-sind-alle“.
Deshalb fordern Sie zurecht, dass wir Familienpolitik als Querschnittsaufgabe begreifen. Starke Familien halten unsere Gesellschaft zusammen. Und sie tragen zum Erfolg unseres Landes und unserer Wirtschaft bei.
Studien zeigen: Unternehmen mit mehr Frauen in Führung sind innovationsstärker und wirtschaftlich erfolgreicher. Viele haben das erkannt. Das zeigt die Initiative "Unternehmen mit Haltung“. Die beteiligten Unternehmen wollen Rahmenbedingungen schaffen, um Vereinbarkeit von Arbeit und Familie zu ermöglichen. Weil moderne, erfolgsorientierte Unternehmen wissen, dass sie die Frauen als Fachkräfte dringend brauchen – mit all ihren beruflichen und ihren sozialen Kompetenzen!
Politik für Frauen und Familien ist ein zentraler Standortfaktor: Ohne starke Frauen und Familien gibt es keine starke Wirtschaft. Ich will Frauen und Familien deshalb dort stärken, wo ich etwas bewegen kann: als Ministerin für Arbeit und Soziales.
Erstes Stichwort: die Lohnlücke.
Frauen verdienen in Deutschland im Durchschnitt 16 Prozent weniger als Männer. Das heißt, dass Frauen statistisch gesehen zwei Monate im Jahr unbezahlt arbeiten. Das liegt natürlich nicht daran, dass Frauen weniger leisten – das Gegenteil ist der Fall. Es liegt an Strukturen.
Nur etwa die Hälfte der Beschäftigten arbeitet noch in tarifgebundenen Betrieben. Aber überall dort, wo Tarifverträge gelten, ist die Lohnlücke deutlich kleiner. Deshalb ist klar: Wer die Lohnlücke schließen will, muss die Tarifbindung stärken, Entgelttransparenz schaffen und mehr Frauen in Führung bringen. Das ist keine Symbolpolitik, das ist wirtschaftliche Gerechtigkeit.
Noch ein Punkt ist mir wichtig: Oft werden Karrieren in Netzwerken von Männern besiegelt. Wir Frauen aber fordern auf allen gesellschaftlichen Ebenen den Einfluss, der uns zusteht: Es geht um Gerechtigkeit, um echte Mitsprache – und natürlich auch Macht.
Deshalb ist mir wichtig – auch angesichts des Erbes von Rita Süssmuth – zu sagen: Kommt es zu einem möglichen neuen Wahlrecht, dann kann das nur mit dem Punkt der Parität verabschiedet werden.
Wir haben noch zu viel Ungleichheit in allen Lebensbereichen.
Das wird auch deutlich beim zweiten Stichwort: der ungerechten Verteilung der Sorgearbeit. Dahinter steckt, dass Frauen sich häufiger um Kinder kümmern, Angehörige pflegen und den Alltag von Familien organisieren. Frauen leisten im Schnitt 9 Stunden mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer – und das jede Woche!
Frauen zahlen einen hohen Preis für diese gesellschaftlich wichtige Arbeit. Denn der unentgeltliche Einsatz von Frauen für die Familie hat enorme Folgen für das gesamte Erwerbsleben.
Eine Studie aus 2020 zeigt: Frauen in Westdeutschland verdienen in ihrem gesamten Leben im Schnitt 670.000 Euro weniger als Männer. Bei Frauen in Ostdeutschland sind es 450.000 Euro. Ich mache das jetzt mal ganz plakativ: Auf ein ganzes Erwerbsleben gerechnet, verlieren Frauen ein Einfamilienhaus. Und das liegt nicht daran, dass sie weniger leisten, ganz im Gegenteil. Es liegt an den Strukturen in diesem Land.
Eine Prognos-Studie zeigt: Fast die Hälfte der Mütter in Teilzeit würden gerne mehr arbeiten. Sie können aber nicht. Weil Betreuungsplätze fehlen oder weil das Ehegattensplitting veraltete Rollenbilder zementiert.
Und damit bin ich beim dritten Stichwort: der schlechteren Absicherung von Frauen im Alter.
Die Erwerbsbiografie wirkt sich langfristig auf die Rente aus: Frauen verfügen im Alter im Durchschnitt über mehr als ein Drittel weniger Einkommen als Männer. Das bedeutet: Fast jede fünfte Frau über 65 gilt heute als armutsgefährdet. Das wiederum bedeutet: In vielen Fällen sind Frauen finanziell abhängig von einem Mann. Das ist nicht akzeptabel.
Deshalb beginnt gute Rentenpolitik für Frauen bei guter Bezahlung, stabilen Erwerbsbiografien und sozialer Absicherung während der Familienphase. Gute Arbeit ist die beste Rentenpolitik für Frauen. Dafür setze ich mich ein.
Sehr geehrte Damen und Herren, nehmen wir allein die drei Themen, die ich angeschnitten habe – die Ungleichheit beim Lohn, bei der Sorgearbeit und bei der Rente – dann wird deutlich: Politik für Frauen und für Familien ist eine der zentralen Zukunftsfragen unseres Landes. Und um da weiter voranzukommen, müssen wir Frauen uns stärker vernetzen.
Eine Veranstaltung wie diese ist für mich deshalb kein "nettes Treffen“ am Feierabend. Sie ist ein wichtiger Termin in meinem Kalender. Nett ist es trotzdem!
Vielen Dank!