Meine Damen und Herren,
herzlichen Dank für die Einladung zum frauenpolitischen Empfang der SPD-Bundestagsfraktion.
Erst am 27. Februar haben wir am Equal Pay Day daran erinnert, dass Frauen fast zwei Monate im Jahr unbezahlt arbeiten. Anfang dieses Monats haben wir eine Ausstellung zum Internationalen Frauentag bei uns im BMAS eröffnet. Und am 8. März war Frauenkampftag. Ist das zu viel des Guten? Nein, das sind noch viel zu wenig Anlässe! Denn es muss noch viel passieren in diesem Land!
Wir treffen uns heute unter dem Motto "Wandel in der Arbeitswelt gestalten - Gleichstellung ist unsere Stärke". Und das zeigt ganz deutlich: Wenn wir über Gleichstellung sprechen, dann reden wir nicht über ein Nischenthema. Wir reden über Gerechtigkeit im Alltag von Millionen Frauen.
Ja, Deutschland hat bei der Gleichstellung Fortschritte gemacht. Diese Fortschritte sind hart erkämpft worden. Immer wieder auch von Frauen aus dieser SPD-Bundestagsfraktion. Mit viel Mut, Ausdauer und Kampfkraft. Gegen viele Widerstände.
Angefangen bei Marie Juchacz. Wir haben hier eine Tradition, auf die wir stolz sein können! Zur Realität gehört aber auch: Wir haben immer noch gewaltige Gerechtigkeitslücken. Über drei davon möchte ich heute sprechen.
Die erste Lücke ist die beim Lohn.
Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt 16 Prozent weniger als Männer. Selbst wenn man Unterschiede bei Arbeitszeit, Beruf oder Branche herausrechnet, bleibt eine sogenannte bereinigte Lohnlücke von rund 6 Prozent. Das bedeutet: Frauen verdienen für vergleichbare Arbeit immer noch weniger Geld.
Und wir wissen auch: Es liegt nicht daran, dass Frauen weniger leisten. Im Gegenteil! Es liegt an den Strukturen dahinter. Frauen arbeiten deutlich häufiger in systemrelevanten, aber schlechter-bezahlten Berufen – etwa in Pflege, Erziehung oder im sozialen Bereich.
Gleichzeitig gilt: Karrieren entstehen zu oft in Männernetzwerken, Beförderungen gehen häufiger an Männer und bei Gehaltsverhandlungen gehen Männer häufig mit mehr nach Hause. Hinzu kommt: Nur etwa 29 Prozent der Führungspositionen in Deutschland sind mit Frauen besetzt. Übrigens auch immer noch in der Politik, Stichwort Koalitions-Ausschuss.
Wie man das ändern kann? Ein Faktor sind Tarifverträge. Wo Tarifverträge gelten, ist die Lohnlücke deutlich kleiner – aber nur etwa die Hälfte der Beschäftigten arbeitet noch in tarifgebundenen Betrieben. Deshalb ist klar: Wer den Gender Pay Gap schließen will, muss Tarifbindung stärken, Entgelttransparenz schaffen und mehr Frauen in Führung bringen.
Das ist keine Symbolpolitik, das ist wirtschaftliche Gerechtigkeit. Es war deshalb überfällig, dass wir das Tariftreuegesetz verabschiedet haben.
Zweite Lücke: der Gender Care Gap
Noch deutlicher wird die Ungleichheit beim Blick auf die Sorge- oder Care-Arbeit. Der sogenannte Gender Care Gap beträgt in Deutschland 44 Prozent. Frauen leisten fast anderthalbmal so viel unbezahlte Sorgearbeit wie Männer. Im Alltag heißt das: Frauen kümmern sich häufiger um Kinder. Frauen pflegen häufiger Angehörige. Frauen organisieren den Alltag von Familien. Und tragen auch den "Mental Load" im Kopf mit durch ihren Alltag.
Im Durchschnitt leisten Frauen wöchentlich knapp 9 Stunden mehr unbezahlte Care-Arbeit. 9 Stunden! Das hat enorme Folgen für das ganze Erwerbsleben. Eine aktuelle Studie zeigt zum Beispiel: 45 Prozent der Mütter in Teilzeit würden gerne mehr arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden. Aber viele können es nicht. Weil Betreuungsplätze fehlen. Weil Öffnungszeiten nicht passen.
Deshalb sage ich ganz klar: Die Aufteilung von Care-Arbeit ist keine reine Privatsache. Sie ist eine gesellschaftliche und eine politische Aufgabe. Gleichstellung beginnt nicht erst im Beruf. Sie beginnt im Alltag.
Dritte Lücke: der Gender Pension Gap.
Wer im Arbeitsleben wenig verdient, hat auch im Alter wenig Rente. Der Gender Pension Gap liegt in Deutschland bei rund 36 Prozent. Frauen bekommen also im Schnitt mehr als ein Drittel weniger Alterseinkommen. Fast jede fünfte Frau über 65 gilt heute als armutsgefährdet. Für viele Frauen bedeutet das auch die Abhängigkeit von einem Mann. Und das ist nicht akzeptabel. Altersarmut entsteht nicht plötzlich im Rentenalter. Sie entsteht über ein ganzes Erwerbsleben hinweg. Deshalb beginnt gute Rentenpolitik für Frauen bei guter Bezahlung, stabilen Erwerbsbiografien und sozialer Absicherung während der Familienphase.
Meine Damen und Herren, ich gehöre zu einer Frauengeneration, die so viele Möglichkeiten und Freiheiten hat wie keine vor ihr. Weil sie andere Frauen für uns erkämpft haben. Und ich möchte, dass zukünftige Generationen das auch sagen können.
Viel zu oft geht es heutzutage aber um Rückschritt statt Fortschritt. Weltweit wird immer stärker versucht, Frauenrechte einzuschränken oder ganz über Bord zu werfen. Ob im Iran, Afghanistan oder in den USA.
Immer wieder beobachten wir Trends und Bewegungen, die Frauen in veraltete Rollenbilder zurückdrängen. Gerade auch im Netz. Immer wieder kommt es zu Gewalt gegen Frauen, auch tödliche Gewalt – Tag für Tag. Diese Entwicklungen sehen wir teilweise auch hier in Deutschland. Das bereitet mir große Sorgen.
Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gibt es Versuche, die Interessen von Frauen zu hintertreiben. Ich sage nur „Lifestyle-Teilzeit“. Und wir alle erleben eine wachsende Feindseligkeit und eine zunehmende Aggression gegenüber Frauen.
Auch in der politischen Arbeit, auch hier im Deutschen Bundestag. Diesen ganzen sexistischen Müll. Ob im Plenum oder in den Mail-Postfächern. Das werden wir nicht hinnehmen!
Wir wissen: Gleichstellung passiert nicht von allein. Sie braucht politische Entscheidungen. Und der wichtigste Ort, um sich dieses Jahr für Frauenrechte einzusetzen, ist die Wahlkabine. Wir dürfen nicht denjenigen das Feld überlassen, die unsere Rechte einschränken und veraltete Rollenbilder vermitteln wollen.
Deshalb ist es wichtiger denn je, dass wir als Frauen und Demokratinnen zusammenhalten. Und uns vernetzen! Zum Beispiel heute Abend hier beim Frauenempfang der SPD-Bundestagsfraktion. Denn eines ist klar: Wenn Frauen stärker werden, wird unsere Gesellschaft stärker.
Vielen Dank!