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Rede

"Der Fachkräftebedarf ist real"

Rede von Bärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, beim Netzwerktreffen der Allianz der Chancen am 6. März 2026 in Berlin. Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Dr. Reinhart,
sehr geehrte Frau Zeiler,
sehr geehrte Damen und Herren!

Erst einmal vielen Dank für die Einladung zu Ihrem Netzwerktreffen.

Vor viereinhalb Jahren wurde Ihre Allianz gegründet – inmitten der Corona-Pandemie. Wir erinnern uns sicher alle: Das war eine heftige Zeit für unser Land. Gerade auch für Sie als Unternehmerinnen und Unternehmer.

Die pandemische Lage änderte sich praktisch täglich. Und dennoch war klar: Wir dürfen uns nicht nur um die tagesaktuellen Probleme kümmern. Der Strukturwandel macht keine Atempause und nimmt keine Rücksicht auf akute Krisen. Und gerade der digitale Wandel ist seitdem noch um einiges schneller geworden.

Gut ein Jahr nach Gründung Ihrer Allianz wurde ChatGPT veröffentlicht. Bereiche wie Künstliche Intelligenz machen deutlich: Wenn wir uns nicht frühzeitig einstellen auf neue Entwicklungen; wenn wir nicht frühzeitig in Qualifizierung investieren; Chancen nutzen und Risiken eindämmen – dann haben wir in diesem Wandel das Nachsehen.

Deshalb danke ich Ihnen, meine Damen und Herren, für Ihre Initiative und Weitsicht in den vergangenen Jahren!

Dieses Engagement ist wichtig. Die Herausforderungen sind nicht kleiner geworden. Krisen kommen schneller, Konflikte rücken näher. Das belastet auch unsere Unternehmen und Beschäftigten.

Die Nachfrage verändert sich. Technologien verändern sich. In der Industrie werden zunehmend Stellen gestrichen. Gleichzeitig fehlt es in vielen Branchen an Fachkräften – in der Pflege, im Handel, im verarbeitenden Gewerbe, in medizinischen Berufen, auf dem Bau, im Handwerk oder in der IT.

Diese Gleichzeitigkeit stellt uns vor neue Aufgaben. Wir müssen Jobs und Standorte sichern. Wir müssen Menschen neu qualifizieren, weitervermitteln und sämtliche Potenziale ausschöpfen. Hier stehen wir als Politik und Wirtschaft gemeinsam mit den Sozialpartnern in der Verantwortung.

Genau darum geht es auch heute bei diesem Netzwerktreffen: Wie bleiben wir in Deutschland ein starker Wirtschaftsstandort? Wie sichern wir Fachkräfte? Wie gestalten wir den Arbeitsmarkt von morgen? Und das alles in einer Zeit, in der internationale Krisen unsere Wirtschaft belasten.

Klar ist: Fachkräfte sind die Grundlage unseres wirtschaftlichen Wohlstands. Und sie sichern unseren Sozialstaat: durch Steuern und Abgaben, aber auch mit ihrer Arbeitskraft – Stichwort: Soziale Berufe.

Das Thema Fachkräfte muss zusammengedacht werden mit dem Thema Strukturwandel. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Automatisierung verändern Prozesse, Produkte und Berufe. Damit entfallen Tätigkeiten ganz oder teilweise – das muss man ehrlich beim Namen nennen.

Aber es entstehen auch neue Kompetenzprofile – beispielsweise im produzierenden Gewerbe, an der Schnittstelle von Informatik und Maschinenbau. Sie alle können aus Ihren jeweiligen Bereichen weitere Beispiele nennen.

Darüber hinaus wollen wir in Zukunft klimaneutral wirtschaften. Auch das erfordert neue Technologien und neue Qualifikationen – im Bereich erneuerbare Energien, in der Elektromobilität, in Umwelt- und Klimaschutztechnologien.

Hinzu kommt die Demographie: Unsere Gesellschaft wird nicht nur bunter, sondern vor allem älter. Die sogenannten Babyboomer gehen nach und nach in den Ruhestand. Sie fehlen auf dem Arbeitsmarkt. Zu wenig Fachkräfte kommen nach. Bis 2029 wird die Zahl der Erwerbspersonen um rund eine Million sinken.

Zuwanderung ist dabei bereits eingerechnet – und wir müssen bedenken: Die Zuwanderung nimmt insgesamt ab aktuell, vor allem aus anderen EU-Staaten. Auch das bedeutet zusätzlich einen Arbeitskräfterückgang, wie wir ihn seit 40 Jahren nicht erlebt haben.

Meine Damen und Herren, all diese Veränderungen greifen – man könnte fast sagen: unglücklich – ineinander. Wir sprechen hier oft vom Fachkräfteparadox: Einerseits stehen Unternehmen unter massivem Druck. Fast täglich erreichen uns Nachrichten von geplantem Stellenabbau. Und zugleich fehlen überall Fachkräfte.

Ende 2022 hatten wir fast zwei Millionen offene Stellen in Deutschland. Heute liegt die Zahl deutlich niedriger. Im dritten Quartal 2025 bei rund einer Million offener Stellen. Aber: Eine Million offene Stellen sind keine Entwarnung. Sie zeigen weiterhin einen hohen Bedarf.

Auffällig ist zudem, dass im Osten die Zahl offener Stellen schneller sinkt als im Westen Deutschlands. Auch das gehört zur Wahrheit mit dazu: Regionen sind unterschiedlich stark betroffen von Krise und Strukturwandel. Das macht die Fachkräftesicherung so komplex.

Meine Damen und Herren, für die Bundesregierung und auch mich ganz persönlich ist klar: Wir wollen ein starker Wirtschaftsstandort bleiben. Wir wollen Industriestandort bleiben. Und wir wollen nicht nur Arbeitsplätze erhalten, sondern ausbauen. Das geht nur, wenn wir unser Land modernisieren.

Deshalb investieren wir in unsere Sicherheit; Stichwort Zeitenwende. Deshalb investieren wir 500 Milliarden in Infrastruktur, Klimaschutz und Kommunen. Einige Forschungsinstitute sprechen von einem nie dagewesenen Investitionsimpuls. Und die Auftragslage in der Industrie wächst. Das ist eine große Chance. Aber klar ist auch: Dieser Impuls darf nicht an Fachkräfteengpässen scheitern.

Die Bundesregierung hat bereits in der vergangenen Legislaturperiode ihre Fachkräftestrategie neu aufgestellt. Ziel ist zuallererst inländische Fachkräftepotenziale zu erschließen.

Es betrifft die Arbeitsförderung. Also diejenigen, die derzeit ohne Arbeit sind. Oder die bislang keinen Abschluss haben. Es geht auch um diejenigen, die nicht arbeiten können. Weil Kinderbetreuung fehlt, Arbeitszeiten unflexibel sind oder Arbeitsbedingungen nicht attraktiv genug.

Gleichzeitig sind Arbeitskultur und Arbeitsqualität wichtig für ein Klima, in dem Beschäftigte gut und gerne arbeiten. Und es geht um eine gezielte Einwanderung von Fachkräften aus dem Ausland.

Bei all diesen Punkten setzt die Fachkräftestrategie an – und zwar berufs- und branchenübergreifend. Man kann sich das wie ein Raster vorstellen, das wir über Branchen, Berufe und Regionen legen. Denn die Lösung sieht im Handwerk anders aus als in der Pflege, in der Großstadt anders als im ländlichen Raum, in Duisburg anders als in Dresden.

Deshalb setzen wir nicht auf zentrale Vorgaben aus Berlin. Sondern auf passende Lösungen, die vor Ort gefunden werden müssen – in den Betrieben und den jeweiligen Regionen.

Dabei bleiben wir jedoch nicht stehen, sondern entwickeln die Fachkräftestrategie weiter. Gemeinsam mit den Ländern. Und mit regionalen Fachkräftewerkstätten. Und wir schärfen nach mit zwei zusätzlichen Schwerpunkten: Künstliche Intelligenz und regionale Netzwerke.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich kurz etwas dazu sagen, wo wir aktuell in den Handlungsfeldern stehen: Das betrifft zuallererst das Thema Ausbildung.

Ich danke der Allianz der Chancen ausdrücklich, dass sie hierauf einen Schwerpunkt legt. Immer noch haben zu viele junge Menschen in Deutschland keine abgeschlossene Berufsausbildung. Im Jahr 2023 waren es rund 2,9 Millionen zwischen 20 und 34 Jahren. Das ist nicht nur ein individuelles Risiko. Es ist ein strukturelles Problem.

Die Arbeitslosenquote von Menschen ohne Berufsabschluss ist sechsmal so hoch wie bei Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung. Auch hier gibt es stellenweise Passungsprobleme. 2025 sank das Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen auf rund 530.000. Zugleich stieg die Nachfrage der Jugendlichen auf rund 560.000.

54.000 Ausbildungsstellen blieben trotzdem unbesetzt. Und 84.000 junge Menschen suchten weiter einen Ausbildungsplatz. Ein Höchststand seit 2009. Das macht mir große Sorgen.

Deshalb müssen junge Menschen und Unternehmen noch besser zusammenbringen. Das machen wir mit der Ausbildungsgarantie. Und wir stärken die Jugendberufsagenturen noch weiter im Zuge der Neuausrichtung der Grundsicherung.

Sie alle hier im Raum engagieren sich beim Thema Ausbildung. Setzen Sie ein Zeichen – auch in Richtung der kleinen und mittleren Betriebe. Wichtig ist, dass die Unternehmen bei der Stange bleiben. Wer sich aus der Ausbildung verabschiedet, verbaut sich die eigene betriebliche Zukunft. Und es geht eben nicht nur ums eigene Unternehmen, sondern auch um gesellschaftliche Verantwortung. Die betriebliche Ausbildung ist fester Bestandteil unserer sozialen Marktwirtschaft. Daran sollten sich alle erinnern.

Meine Damen und Herren, natürlich ist klar: "Ausgelernt" gibt es heute nicht mehr. Wer im Berufsleben steht, muss bereit sein sich weiterzubilden. In Zeiten der Transformation ist das unerlässlich. Deshalb unterstützen wir als Bundesregierung Betriebe und Beschäftigte bei Weiterbildung und Qualifizierung.

Daran arbeiten Bund, Länder, Sozialpartner, Kammern und die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam im Rahmen der Nationalen Weiterbildungsstrategie. Unser Ziel ist klar: Bis 2030 soll die Weiterbildungsbeteiligung auf 65 Prozent steigen.

Allerdings sind Weiterbildungschancen bislang ebenfalls ungleich verteilt. Da müssen wir ran! Im Fokus stehen dabei Menschen ohne Berufsabschluss, Beschäftigte im Strukturwandel und die Chancen von Digitalisierung und KI. Dafür bauen wir die Weiterbildungsagenturen aus – zu regionalen Netzwerken und als zentrale Anlaufstellen vor Ort. Und wir investieren in das Onlineportal „mein NOW“. Damit Weiterbildung einfacher und digital zugänglich wird.

Natürlich muss es immer zuerst darum gehen, Arbeitsplätze zu erhalten. Wo das aufgrund des Strukturwandels aber nicht möglich ist, müssen Beschäftigte schnell und unkompliziert in eine neue Arbeit wechseln können. Hier setzt der Job-to-Job-Prozess an. Über die Arbeitsmarktdrehscheiben sollen sich abgebende Betriebe, aufnehmende Betriebe, Beschäftigte und Arbeitsagenturen besser vernetzen können.

Und wo notwendig, können auch Weiterbildungen gefördert werden, um den Anforderungen der neuen Tätigkeit gerecht zu werden. Job-to-Job-Transfer statt Job-Verlust – das muss unser Ziel sein.

Und weil heute auch die Bundesagentur für Arbeit vertreten ist: Ich finde es toll, dass die BA hier zunehmend eine gestaltende Rolle einnimmt. Auch das zeugt von großer Verantwortung. Dafür: Herzlichen Dank!

Meine Damen und Herren, selbst wenn wir alle Potenziale ausschöpfen, werden wir es aber nicht ohne Fachkräfteeinwanderung aus dem Ausland schaffen.

Dafür brauchen wir eine moderne Einwanderungspolitik. Hier sind wir in der vergangenen Wahlperiode mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die für eine erfolgreiche Anwerbung und Integration von Fachkräften wichtig sind. Ganz vorn stehen schnelle und transparente Prozesse – am besten digital.

Komplexe, unübersichtliche und lange Verwaltungsverfahren schrecken sowohl Fachkräfte als auch Arbeitgeber in Deutschland ab. Darum arbeiten wir intensiv daran, die Verfahren der Erwerbsmigration und der Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen zu beschleunigen und zu vereinfachen. Dafür schaffen wir die Work and Stay-Agentur. Wir wollen die Erwerbs- und Bildungsmigration über ein zentrales Portal vollständig digitalisieren.

Darüber hinaus wollen wir die Anerkennungsverfahren verbessern. Hierzu haben der Bundeskanzler und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder im vergangenen Dezember einen Beschluss gefasst. Vorgesehen ist beispielsweise, dass bis zum 30. Juni 2026 die Online-Antragstellung in allen Berufen möglich wird.

Meine Damen und Herren, mir ist wichtig, dass wir am Arbeitsmarkt insgesamt mehr Chancen schaffen. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass wir Menschen mit Behinderungen mehr im Blick haben. Oder, dass wir ältere Beschäftigte auf freiwilliger Basis – ich betone: freiwillig – länger im Arbeitsleben halten. Hier hilft die neue Aktivrente mit steuerlichen Anreizen. Und dazu gehört, dass wir Frauen und Müttern den Rücken stärken und bessere Rahmenbedingungen schaffen.

In zwei Tagen feiern wir den internationalen Frauentag. Wir leben gerade weltweit die Rolle rückwärts bei den Frauenrechten. Und das muss uns beschäftigen. Diese Tendenz ist ein gesellschaftliches, aber auch ein ökonomisches Problem.

Dazu ließe sich jetzt vieles sagen, aber heute müssen wir uns auf die Arbeitswelt fokussieren. Fast jede zweite Arbeitnehmerin arbeitet in Teilzeit. Bei den männlichen Kollegen ist es nur gut jeder achte.

Das hat viele Gründe – von fehlender Vereinbarkeit bis hin zu harten Arbeitsbedingungen in einigen Branchen. Viele Pflegekräfte – das sind ja überwiegend Frauen – sagen mir beispielsweise: "Ich schaff‘ diesen Job nur in Teilzeit. Sonst werde ich selbst krank."

Debatten über "Lifestyle-Teilzeit" gehen deshalb völlig an der Realität vorbei. Sie sind ein Schlag ins Gesicht vieler Frauen. Was wir vielmehr brauchen, sind mehr Bewusstsein, mehr Engagement und gute Rahmenbedingungen: für mehr Vereinbarkeit und gesunde Arbeitsbedingungen. Wenn die jetzigen Teilzeitkräfte nur ein paar Stunden aufstocken, bringt uns das schon ein gutes Stück weiter.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zum Schluss sagen: Der Fachkräftebedarf ist real. Und der Wandel am Arbeitsmarkt unumkehrbar. Wir wissen, was zu tun ist. Wir kennen die Engpässe. Und wir haben die Instrumente. Jetzt kommt es auf Umsetzung an. Dabei ist klar: Fachkräftesicherung ist eine Gemeinschaftsaufgabe.

Alle müssen ihren Beitrag leisten: Unternehmen und Beschäftigte genauso wie Länder und Kommunen, die Sozialpartner, Kammern und die Bundesagentur für Arbeit sowie die Bildungs- und Weiterbildungsträger. Ich weiß, ich renne damit bei Ihnen offenen Türen ein. Dieser Ansatz ist Ihnen als Allianz der Chancen bestens vertraut.

Frau Dr. Reinhart spricht hier zurecht immer wieder treffend von einer "Verantwortungsgemeinschaft". Für dieses Bekenntnis danke ich Ihnen. Und ich freue mich auf unseren Austausch. Vielen Dank!

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