Sehr geehrte Frau Ahuja,
sehr geehrter Herr Terzenbach,
sehr geehrte Damen und Herren,
das Jahr 2026 ist für die deutsche Wirtschaft zumindest etwas erfreulicher gestartet. Nach zwei Jahren Rezession verzeichnen wir für 2025 ein leichtes Wachstum (0,2 Prozent). Nein, das ist noch kein Grund zur Euphorie. Aber diese Tendenz ist auch kein Zufall.
Tatsache ist: Die Wirtschaft profitiert auch von den politischen Rahmenbedingungen. Eine Priorität der Bundesregierung ist es, die Konjunktur weiter zu stärken. Dafür nehmen wir viel Geld in die Hand. Wir investieren 500 Milliarden Euro in Klimaschutz, in Infrastruktur und in unsere Kommunen.
Und klar ist: Geld ist das eine. Aber irgendwer muss das auch praktisch umsetzen. Wir brauchen Menschen, die mit anpacken. Menschen, die neue Ideen entwickeln, den Bagger fahren oder in der Produktion arbeiten. Und das ist eine der größten Herausforderungen für den Standort Deutschland.
Sie, meine Damen und Herren, wissen das besser als ich: Gute Leute sind in vielen Branchen und Regionen Mangelware. Selbst wenn wir alle inländischen Fachkräftepotenziale heben, wird das nicht genügen. Wir brauchen auch Fachkräfte aus dem Ausland!
Ich weiß, damit erzähle ich Ihnen nichts Neues. Aber in der öffentlichen Debatte, erschließt sich das den Menschen nicht immer auf den ersten Blick. Deswegen müssen wir genau hinschauen auf die Widersprüche, mit denen wir es beim Thema „Migration und Arbeit“ zu tun haben.
Erster Widerspruch: Wir haben rund eine Million offene Stellen. Und gleichzeitig etwa drei Millionen Arbeitslose. Aber: Angebot und Nachfragen passen oft schlicht nicht zusammen. Qualifikation, Wohnort, Familienumstände – so ein „match“ von freier Stelle und Bewerberin oder Bewerber ist hochkomplex. Der arbeitslose Schweißer in Kiel ersetzt nicht ohne Weiteres die Pflegekraft in Konstanz.
Zweiter Widerspruch: Fast täglich erreichen uns Nachrichten von geplanten Stellenstreichungen großer Unternehmen. Außerdem zögern viele Unternehmen nach wie vor bei Neueinstellungen. Und trotzdem sprechen wir über den Bedarf an ausländischen Fachkräften. Das ist nicht immer leicht zu erklären. Aber leicht zu diffamieren in bestimmten politischen Kreisen. Wichtig sind aus meiner Sicht drei Punkte:
Erstens: Wir werden immer älter und bekommen weniger Kinder. Die durchschnittliche Geburtenrate in Deutschland lag zuletzt bei 1,35 Kindern pro Frau. Hinzu kommt, dass die geburtenstarken Jahrgänge jetzt in den Ruhestand gehen und eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen.
Schon heute suchen Unternehmen in vielen Branchen händeringend nach Fachkräften und finden sie nicht. Das hat nicht nur Auswirkungen auf unsere Volkswirtschaft, sondern schlicht auf das Leben der Menschen.
Eine aktuelle wissenschaftliche Studie hat das sehr drastisch geschildert: In den Grenzregionen zur Schweiz wandern viele Pflegekräfte in unser Nachbarland ab. Das Ergebnis ist ein Pflegekräftemangel in den deutschen Krankenhäusern. In der Folge ist die Sterblichkeit in den betroffenen Krankenhäusern um 4,4 Prozent gestiegen.
Dieses Beispiel zeigt – zweitens: Wir stehen in einem harten internationalen und europäischen Wettbewerb. Frankreich, Italien, Großbritannien – die allermeisten Staaten Europas haben ähnliche demographische Herausforderungen. Der deutsche Arbeitsmarkt hat jahrelang stark von der Einwanderung aus EU-Staaten profitiert. Diese Dynamik stößt nun aber an ihre Grenzen: 2024 haben erstmals mehr EU-Bürger Deutschland verlassen, als zu uns gekommen sind. Damit müssen wir umgehen.
Und drittens: Fachkräftesicherung ist ein langfristiges Geschäft, gerade bei Fachkräften aus Drittstaaten. Aber es lohnt sich! Im vergangenen Jahr ist allein die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern gestiegen. Insgesamt reden wir über rund sechs Millionen sozialversicherungspflichtig- beschäftigte Personen. Im Oktober 2025 waren das rund 260.000 mehr als ein Jahr zuvor (plus 4,5 Prozent).
Dieser Zuwachs geht ausschließlich auf Personen aus sogenannten Drittstaaten zurück – darunter 77.000 aus der Ukraine, 67.000 aus den wichtigsten Asylherkunftsländern sowie 25.000 aus Ländern des Westbalkan.
Wichtig ist zudem, dass der Blick auf die aktuelle wirtschaftliche Lage den Ausblick auf die Zukunft nicht verstellt. Wir müssen Fachkräften aus Drittstaaten frühzeitig den Weg ebnen. Nicht erst, wenn die Konjunktur wieder anzieht. Dieses Thema dürfen wir nicht auf Sicht fahren, sondern müssen es strategisch angehen. Das ist eine Notwendigkeit angesichts des internationalen Wettbewerbs um gute Fach- und Arbeitskräfte. Und es ist auch eine Frage des Respekts gegenüber den Menschen, die uns helfen sollen.
Meine Damen und Herren, ich bin daher Ihnen und der BA sehr dankbar für die gute Arbeit, die Sie leisten – unaufgeregt und professionell seit vielen Jahren. Die BA übernimmt dabei mehrere zentrale Aufgaben. Zum einen ist sie über das Arbeitsmarktzulassungsverfahren eine Art Wächter für die Ordnung am Arbeitsmarkt.
Das Verfahren beugt Missbrauch vor und hilft, Lohndumping zu bekämpfen. Das steigert die Akzeptanz für ausländische Fachkräfte bei uns im Land. Und zugleich können sich Arbeitskräfte aus dem Ausland auf eine faire Bezahlung und den Schutz durch das Arbeitsrecht verlassen. Das ist ein klarer Standortvorteil für Deutschland.
Zum anderen ist die BA mit dem neuen Portal IntWeb und der telefonischen und Onlineberatung der ZAV eine zentrale Informationsstelle. Das hilft ausländischen Fachkräften und deutschen Unternehmen bei der Stellensuche und -besetzung.
Darüber hinaus haben Sie, meine Damen und Herren, wichtige Grundlagen für die Fachkräftegewinnung im Ausland geschaffen. Sie haben systematisch Wissen aufgebaut, in welchen Drittstaaten Anwerbung sinnvoll ist. Und unter welchen Bedingungen das gelingt. Und Sie haben im Dialog mit ausländischen Arbeitsverwaltungen Vertrauen aufgebaut: Bei Behörden, Partnern und Fachkräften. Das Projekt Triple Win zeigt, wie sich diese Arbeit auszahlt. Gerade bei der Anwerbung von Pflegekräften.
Indien ist hierfür ein gutes Beispiel. Der Bundeskanzler hat zuletzt bei seinem Treffen mit Premierminister Modi eine Absichtserklärung für die Anwerbung indischer Pflegekräfte in Deutschland unterzeichnet. Mit meinem indischen Counterpart stehe ich ebenfalls im Austausch, um die Fachkräftegewinnung weiter zu verbessern.
Der Zuzug indischer Fachkräfte nach Deutschland ist schon jetzt eine Erfolgsgeschichte. Der Anteil indischer sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt. Die Erfahrungen mit der Integration in den deutschen Arbeitsmarkt sind sehr gut.
Die Arbeitslosenquote liegt bei 4,4 Prozent – also deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt. Der Medianlohn für Vollzeitbeschäftigte bei 5.400 Euro brutto im Monat – dieser Wert ist wiederum deutlich höher als der Durchschnitt. Auch die Anwerbung und Unterstützung indischer Auszubildender und Studierender läuft sehr gut – auch dank der hervorragenden Arbeit der BA. Das betrifft zum einen den Kontakt zu ausgewählten Partnerschulen in Indien. Zum anderen die Beratung indischer Studierender beim Übergang in den deutschen Arbeitsmarkt.
Auch für diese wichtige Arbeit möchte ich Ihnen und den Kolleginnen und Kollegen der BA ausdrücklich danken! Sie haben verstanden: Beim Thema Fachkräftesicherung können wir nicht von der Hand in den Mund leben. Sondern brauchen langfristige Lösungen und kontinuierliche Anstrengungen, wenn wir Fachkräfte aus Drittstaaten anwerben wollen.
Meine Damen und Herren, bei allem, was Sie und die BA leisten: Fachkräfteeinwanderung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Es ist Aufgabe der Politik hierfür die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Dabei sind wir in der vergangenen Wahlperiode mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Inzwischen haben wir ein offenes, modernes und liberales Einwanderungsrecht. Ein Einwanderungsrecht, das den Zuzug von Fachkräften nicht nur passiv hinnimmt, sondern aktiv mit der Wirtschaft gestaltet.
Daneben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die für eine erfolgreiche Anwerbung und Integration von Fachkräften wichtig sind. Ganz vorn stehen schnelle und transparente Prozesse – am besten digital. Komplexe, unübersichtliche und lange Verwaltungsverfahren schrecken sowohl Fachkräfte als auch Arbeitgeber in Deutschland ab. Darum arbeiten wir intensiv daran, die Verfahren der Erwerbsmigration und der Anerkennung zu beschleunigen und zu vereinfachen.
Dafür schaffen wir die Work and Stay-Agentur. Wir wollen die Erwerbs- und Bildungsmigration über ein zentrales Portal vollständig digitalisieren.
Darüber hinaus wollen wir die Anerkennungsverfahren verbessern. Hierzu haben der Bundeskanzler und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder im vergangenen Dezember einen Beschluss gefasst. Vorgesehen ist beispielsweise, dass bis zum 30. Juni 2026 die Online-Antragstellung in allen Berufen möglich wird.
Wichtig ist zudem eine umfassende Beratung. Deshalb werden wir die Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung zum 1. Januar 2029 bei der BA verstetigen. Ich weiß, Sie haben seit Anfang des Jahres begonnen, hierfür die notwendigen Kompetenzen aufzubauen. Das ist richtig, wenn wir vorankommen wollen.
Meinen Damen und Herren, zur Fachkräftegewinnung aus Drittstaaten gehören auch diejenigen, die bereits bei uns im Land sind. Viele Menschen, die zu uns geflüchtet sind, wollen sich hier mittel- oder langfristig etwas aufbauen. Dafür haben wir gemeinsam mit BA und Jobcentern den Job-Turbo entwickelt.
Ich weiß, hier gab es anfänglich Bedenken. Auch immer wieder Kritik. Heute sehen wir jedoch: Der Job-Turbo wirkt. Über eine Million Menschen aus der Ukraine und den wichtigsten Asylherkunftsstaaten sind mittlerweile in Beschäftigung. Von Dezember 2024 bis November 2025 haben mehr als 200.000 arbeitslose Geflüchtete aus dem Bürgergeld heraus eine Beschäftigung aufgenommen – rund 16 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das ist angesichts des schwierigen konjunkturellen Umfelds ein großer Erfolg!
Zugleich will die Bundesregierung Aufstieg ermöglichen – auch und gerade für Geflüchtete. So ist es im Koalitionsvertrag verabredet. Schließlich arbeitet bereits heute mehr als die Hälfte der sozialversicherungspflichtig- beschäftigten Geflüchteten auf Fachkraftniveau oder darüber. Das zeigt: Das Potenzial ist da. Wer unterhalb seiner Qualifikation arbeitet, soll sich daher berufsbegleitend weiterentwickeln können. Hierfür sieht das SGB III geeignete Instrumente vor.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich am Schluss zum Anfang zurückkommen: Der wirtschaftliche Trend zeigt nach oben, doch Wachstum entsteht nicht von selbst. Es braucht Investitionen. Und es braucht Menschen, die diese umsetzen. Arbeit und Migration gehören dabei zusammen – nicht als Widerspruch, sondern als Teil der Lösung.
Die Bundesagentur für Arbeit und die Jobcenter spielen hierfür eine Schlüsselrolle. Sie sichern faire Regeln. Sie schaffen Vertrauen. Und Sie sorgen dafür, dass Fachkräfteeinwanderung gelingt – nicht irgendwann, sondern rechtzeitig. Denn am Ende entscheidet sich der Erfolg nicht im Gesetzblatt, sondern im täglichen Einsatz vor Ort. Dafür – nochmals – vielen Dank!