Liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,
erst einmal vielen Dank für die Einladung, vor allem an Dich, lieber Matthias Mieves.
Kaum ein Bereich hat so sehr vom wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt profitiert wie die Medizin. Vor 130 Jahren entdeckte Wilhelm Röntgen die nach ihm benannte Strahlung. Rund sechzig Jahre später gelang es englischen Forschern, das Geheimnis der DNA zu entschlüsseln. Heute sprechen wir über mRNA-Impfstoffe, Bio-Printing und Künstliche Intelligenz.
Dieser Fortschritt entsteht nicht von selbst. Er braucht:
- verlässliche Rahmenbedingungen – politisch und regulatorisch;
- ein technologieoffenes, forschungsfreundliches Klima;
- aber vor allem braucht er Menschen, die vorangehen, die mitdenken und anpacken.
Meine Damen und Herren, die industrielle Gesundheitswirtschaft ist Leitindustrie. Es ist unser Ziel, sie zu stärken und auszubauen. Darauf haben wir uns im Koalitionsvertrag geeinigt. Unser Anspruch muss sein, dass wir bei diesem Thema ganz vorne mit dabei sind – trotz gewaltiger internationaler Konkurrenz. Wir brauchen medizinischen Fortschritt „Made in Germany“ – Forschung, Entwicklung und Wertschöpfung müssen hier ihren Platz haben. Deutschland muss mit wirksamen Zukunftsinvestitionen vorangehen, um eine sichere und resiliente Versorgung aufzubauen, die unabhängig von anderen Ländern funktioniert.
Die Corona-Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie abhängig wir sind von Medizinprodukten und Arzneimitteln aus dem Ausland. Auch danach kam es immer wieder zu Engpässen bei wichtigen Medikamenten, beispielsweise bei Antibiotika-Säften für Kinder. Das war regelrecht alarmierend. Es kann nicht sein, dass wir in Europa bei der Versorgung mit Medikamenten von Asien abhängig sind – und zwar sowohl bei Rohstoffen als auch bei Fertigprodukten. Ich sage auch bewusst Europa und nicht Deutschland.
Vielmehr gilt es jetzt, Lieferketten zu sichern. Wir müssen Rohstoff- sowie Handelsabkommen vereinbaren. Damit Deutschland und Europa hier vorankommen.
Das gilt auch für die Sicherheit von Einrichtungen und Strukturen in sensiblen Bereichen. Das betrifft ausdrücklich auch den Bereich Medizin, Gesundheit und Forschung. Die hybriden Attacken auch in Deutschland führen uns das vor Augen. Kurzum: Es ist aus vielerlei Gründen wichtig, dass wir in der industriellen Gesundheitswirtschaft gut aufgestellt sind. Konkret denke ich dabei an fünf Punkte. Es ist wichtig:
- Dass wir Forschungskapazitäten, Wissenstransfer und Produktionslinien haben.
- Dass wir schneller werden bei Test- und Zulassungsverfahren.
- Dass wir vorhandene Daten besser nutzen und zugänglich machen.
- Dass wir moderner, digitaler und flexibler werden.
- Und dass wir Vorsorge treffen für Lieferausfälle und Krisen.
Meine Damen und Herren, wir dürfen medizinische Versorgungssicherheit nicht auf den Kernbereich wie Krankenhäuser und Apotheken beschränken. Wir müssen die gesamte industrielle Wertschöpfung im Blick haben. Dafür hat die vergangene Bundesregierung wichtige Voraussetzungen geschaffen – unter anderem mit der Pharmastrategie. Darauf müssen wir aufbauen und die Erfahrungen einbeziehen. Darum geht es auch in der Diskussion heute.
Meine Damen und Herren, Deutschland ist eine Exportnation und die Gesundheitswirtschaft eine Export-Branche – mit fast 9 Prozent unserer gesamten deutschen Exporte. Die aktuelle Lage mit ihren Handelskonflikten trifft die Branche daher besonders schwer. Diese Sorgen nimmt die Bundesregierung sehr ernst. Übrigens auch mit Blick auf andere Branchen. Ich denke an die Stahl-, Automobil- oder Chemieindustrie.
Deshalb werden wir weiterhin international für gute Lösungen kämpfen. Denn es geht hier nicht nur um fairen Wettbewerb und klare Regeln im internationalen Handel. Sondern vor allem auch um Millionen von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung bei uns in Deutschland. Der Erhalt dieser Arbeitsplätze hat für mich als Bundesarbeitsministerin Priorität.
Alleine in der industriellen Gesundheitswirtschaft sind fast eine Million Erwerbstätige beschäftigt. Das sind fast 14 Prozent der Beschäftigten im gesamten Gesundheitsbereich. Eine starke industrielle Gesundheitswirtschaft ist ein echter Jobmotor – und das soll auch so bleiben!
Meine Damen und Herren, das geht nicht ohne all diejenigen, die forschen, die entwickeln, die produzieren und verkaufen. Wir brauchen all diese Fachkräfte.
Wir haben riesige Sprünge gemacht in der Forschung. Die zunehmende Integration von künstlicher Intelligenz in alle Wirtschaftszweige hat auch hier neue Dimensionen erreicht. Auch der „Kollege Roboter“ ist in hochspezialisierten Berufsgruppen der Pharmakologie oder der Medizintechnik mittlerweile keine Zukunftsmusik mehr.
Wo früher vor allem handwerkliches Können zählte, sind heute zusätzlich digitale Kompetenzen und interdisziplinäres Wissen gefragt. Das bedeutet: Die Fachkräfte von heute und morgen müssen nicht nur medizinisches oder technisches Know-how mitbringen. Sie müssen auch in der Lage sein, komplexe KI-gestützte Systeme zu verstehen und anzuwenden. Darum ist es wichtig, diese neuen Anforderungen von Anfang an mit in den Blick zu nehmen - im Studium, bei der dualen Berufsausbildung. Aber auch später bei der beruflichen Weiterbildung.
Darüber hinaus reden wir hier von oft hochspezialisierten Tätigkeiten. Hier stehen wir als Standort international in einem harten Wettbewerb um die klügsten Köpfe. Wichtig ist, ihnen den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt so einfach wie möglich zu machen. Da haben wir immer noch Nachholbedarf. Die Bundesregierung hat dafür in der vergangenen Wahlperiode mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz schon Einiges getan.
Wir gehen jetzt noch weiter und haben im Kabinett Eckpunkte für eine Work-and-Stay-Agentur beschlossen. Unser Ziel ist es, international gut ausgebildete Fachkräfte schneller und unbürokratischer in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Gleichzeitig ist es wichtig, die Arbeitsbedingungen hierzulande weiter zu verbessern.
Die Gesundheitswirtschaft ist ein Sektor mit einer vergleichsweise hohen Tarifbindung. Rund 55 Prozent der Betriebe im Gesundheits- und Sozialwesen zahlen nach Tarif. Das ist eine gute Ausgangslage, denn tarifgebundene Unternehmen sind im Schnitt produktiver. Sie haben mehr Planungssicherheit, eine häufig zufriedenere Belegschaft – und sind als Arbeitgeber attraktiver für Fachkräfte.
Meine Damen und Herren, gerade wird wieder heiß über das Thema Rente diskutiert. Ich möchte das Fass hier gar nicht aufmachen und über die aktuelle Gesetzgebung in diesem Bereich sprechen. Mir geht es darum, nach vorn zu denken.
Wir können davon ausgehen, dass der Arbeitsmarkt der Zukunft digitaler ist. Dass KI eine größere Rolle spielt. Dass Prozesse automatisiert werden. Und dass in Folge weniger Menschen für bestimmte Tätigkeiten gebraucht werden.
All das hat auch Auswirkungen auf unsere Sozialsysteme. Die Frage in Zukunft wird sein: Wie binden wir die Unternehmen ein, die hohe Gewinne machen, aber perspektivisch immer weniger hochspezialisierte Arbeitskräfte einsetzen?
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich abschließend festhalten: Die Zukunft der Gesundheitswirtschaft – und unserer Wirtschaft insgesamt – ist nicht nur eine Frage von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Sondern auch der sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung.
Eine starke Gesundheitswirtschaft schafft gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze. Um dies zu sichern, müssen wir den Produktionsstandort Deutschland für Arzneimittel- und Medizinproduktehersteller stärken. Das erreichen wir gemeinsam mit Betriebsräten, Gewerkschaften, Wissenschaft und Industrie.
Vielen Dank!