Sehr geehrter Herr Dr. Preen,
sehr geehrter Herr Genth,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
erst einmal herzlichen Dank für Ihre Einladung zum Branchengipfel Handel.
Wenn Menschen an den Handel denken, kommt vielen zuerst der Kassen-Bon in den Sinn. Ob man den Bon mag oder nicht: Er ist nicht einfach nur ein Zettel, sondern ein präzises Abbild wirtschaftlicher Realität in Deutschland: Preise, Steuern, Rabatte, Leistungen. Jede Zeile steht für eine Transaktion, für Wertschöpfung, für Arbeit.
Fast noch wichtiger ist, was nicht auf dem Bon steht. Sondern dahinter: Die Menschen, die Regale bestücken, Waren liefern, Schichten planen oder Kundinnen und Kunden beraten. Mit mehr als drei Millionen Beschäftigten ist der Handel einer der größten und verlässlichsten Jobmotoren in Deutschland. Sie, meine Damen und Herren, sind eine ganz wichtige Stütze für unsere Wirtschaft und unseren Arbeitsmarkt. Das ist mir gerade als Arbeitsministerin sehr wichtig zu betonen. Und das verdient Respekt.
Ich weiß natürlich auch: Erfolgreicher Handel ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels – zwischen Unternehmen, Beschäftigten, Konsumentinnen und Konsumenten. Und den politischen Rahmenbedingungen. Auch das nehme ich sehr ernst.
In diesem Sinne ist der Einzelhandel immer auch ein Seismograph unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft – egal ob in den konjunkturstarken oder -schwachen Jahren. In guten Zeiten wird konsumiert und investiert. In mageren Jahren wird das Geld zusammengehalten.
Gerade die Krisen der vergangenen Jahre haben den Handel schwer getroffen: Allen voran die Corona-Pandemie. Oder der russische Angriff auf die Ukraine mit all seinen Folgen auch bei uns.
Einmal mehr zeigt sich: Wir leben nicht auf einer Insel. Die außenpolitischen Rahmenbedingungen haben sich dramatisch verschoben. Kriege und Konflikte, Handelsbeschränkungen und Zölle, steigende Rohstoffpreise und Energiekosten – all das trifft den Handel.
Hinzu kommen strukturelle Veränderungen, die Ihnen das Leben schwermachen. Zum Beispiel der Boom im Online-Geschäft, hohe Mieten oder Personalengpässe. Wir sehen immer mehr Leerstände in den Innenstädten und verwaiste Einkaufsstraßen.
Das sind wirklich große Herausforderungen, aber es gibt nach wie vor Grund zur Zuversicht: Wir sind weiterhin eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt. Die Inflation ist wieder rückläufig und lag im Oktober 2025 bei 2,3 Prozent. Die Reallöhne sind gestiegen. Im vergangenen Jahr sogar so stark, wie seit 2008 nicht mehr. Zugleich haben wir die Renten in diesem Jahr wieder erhöht – um 3,74 Prozent. Und wir werden auch im kommenden Jahr die Renten erhöhen können.
Das sind gute Nachrichten, denn all diese Entwicklungen haben positive Auswirkungen auf die Kaufkraft. Seit Jahresbeginn 2024 haben sich die Umsätze im Handel wieder spürbar erholt (Anstieg Gesamtjahr 2024: +1,2 Prozent), auch wenn sie damit deutlich unter dem Höchstwert von 2021 liegen.
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist stabil: Im Oktober 2025 waren in Deutschland rund 2,9 Millionen Personen arbeitslos gemeldet. Darunter übrigens rund 260.000 Personen, die im Einzelhandel ihren Zielberuf suchten. Das sind rund vier Prozent mehr als im Vorjahresmonat.
Zugleich waren rund 46.000 offene sozialversicherungspflichtige Stellen für Handels- und Verkaufsberufe bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet – rund 13.000 weniger als im Vorjahresmonat. Die Zahlen sind nach wie vor stabil. Wir sehen aber auch den leichten Abwärtstrend, dem wir entgegenwirken müssen.
Dafür gilt der alte Spruch: „Man muss investieren, um zu sparen.“ Genau das machen wir als Bundesregierung. Unser Ziel ist es, die Wirtschaft zu stabilisieren, auszubauen und Beschäftigung zu sichern. Dafür nehmen wir sehr viel Geld in die Hand. Wir investieren 500 Milliarden Euro in Infrastruktur, in Kommunen und Klimaschutz.
Zugleich ist klar, dass wir bei der Entbürokratisierung weiter vorankommen. Dazu haben wir vergangene Woche im ersten so genannten „Entlastungs-Kabinett“ eine Reihe von Maßnahmen auf den Weg gebracht. Und das war politisch erst der Anfang.
Um es offen und klar zu sagen: Wir sind in vielen Bereichen zu schwerfällig, zu bürokratisch und zu kompliziert in den Verfahren. Jede und jeder von Ihnen hier im Journalistenclub kennt sicher eine aktuelle Geschichte zur deutschen Bürokratie. Und seien wir ehrlich: Diese Anekdoten über Behörden-Odysseen wird es immer geben.
Trotzdem dürfen wir als Politik uns mit dem Status Quo nicht zufriedengeben. Wir stellen uns die Frage: Was setzen wir dem entgegen? Mit der Sozialstaatskommission werden wir unseren Sozialstaat schneller, digitaler und bürgerfreundlicher machen.
Viele Reformvorschläge liegen auf dem Tisch. Diese Vorschläge prüfen wir noch in diesem Jahr, um zu Beginn des neuen Jahres konkrete Empfehlungen vorzulegen. Wichtig ist, dass wir jetzt wirklich – im besten und positiven Wortsinne – ins Handeln kommen.
Das gilt auch für das Thema Fachkräftezuwanderung: Die Kritik der Wirtschaft ist berechtigt, deshalb haben wir das angepackt. Fachkräfte aus dem Ausland sollen künftig schneller und einfacher in den deutschen Arbeitsmarkt wechseln können. Dafür haben wir im Kabinett Eckpunkte für eine Work and stay-Agentur beschlossen.
Wir brauchen Fachkräfte – in unseren Forschungslaboren, in unseren Krankenhäusern und unseren Pflegeheimen. Und wir brauchen die Menschen auch im Handel. Viele Handelsbetriebe haben das bereits erkannt und gehen mit gutem Beispiel voran: Sie beschäftigen Auszubildende oder Angestellte aus dem Ausland. Das ist richtig. Die Integration von Fachkräften aus dem Ausland ist entscheidend, um den Arbeitsmarkt in Deutschland zukunftsfähig zu machen.
Umgekehrt ist Arbeit ein ganz zentraler Faktor für eine gelungene Integration. Hier können also Wirtschaft und Gesellschaft beide profitieren. Und zugleich sind Fachkräftesicherung, staatliche Investitionen und Entbürokratisierung nur die eine Seite der Medaille.
Ja, die Bürgerinnen und Bürger erwarten einen konjunkturellen Aufschwung. Sie erwarten jedoch gleichzeitig, dass es gerecht zugeht bei uns im Land. Dass sich Arbeit und Leistung lohnen. Und sie erwarten soziale Sicherheit, auf die sie sich verlassen können. In einer sozialen Marktwirtschaft gehört das zusammen.
Deshalb haben wir ein Tariftreuegesetz auf den Weg gebracht. Damit die Unternehmen von öffentlichen Aufträgen profitieren, in denen Tarifbindung gilt. Und das so bürokratiearm wie nur irgendwie möglich ist.
Auch in der Wirtschaft weiß man: Tarifgebundene Unternehmen sind im Schnitt produktiver. Sie haben Planungssicherheit, eine häufig zufriedenere Belegschaft – und sind als Arbeitgeber attraktiver für Fachkräfte.
Sehr geehrte Damen und Herren, der Einzelhandel ist weiblich: Zwei Drittel der Beschäftigten sind Frauen. Wir reden von Frauen, die morgens aufstehen, oft erstmal die Kinder versorgen und sich dann im Job richtig reinhängen – an der Kasse, hinter der Ladentheke, zwischen den Lagerregalen. Diese Frauen haben Respekt verdient für ihre Arbeit. Mit ordentlichen Tarifabschlüssen. Auch mit einem anständigen Mindestlohn.
Dabei ist mir wichtig: Wir stärken die Tarifautonomie und wahren die Unabhängigkeit der Mindestlohnkommission. Deshalb sind wir der Empfehlung der Kommission gefolgt und erhöhen den Mindestlohn in zwei Schritten. Davon profitieren rund sechs Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Und auch das stärkt am Ende wieder die Kaufkraft.
Unter dem Stichwort Gerechtigkeit reformieren wir auch die Grundsicherung. Wir sind uns in der Regierung sehr einig: Wir wollen die Menschen wieder nachhaltig in Arbeit bringen. Das hat Priorität. Für mich als Bundesarbeitsministerin natürlich ganz besonders.
Genauso sind wir uns darüber einig, dass es ohne Mitwirkung nicht geht: Wer bereit ist mitzumachen, bekommt Unterstützung. Wer sich verweigert, muss mit spürbaren Konsequenzen rechnen. Diese Balance ist mir sehr wichtig.
Und wenn wir über Balance reden: Ich habe jetzt viel über Zahlen gesprochen und über politische Rahmenbedingungen. Über die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger und den Gestaltungsanspruch der Politik.
Klar ist aber: Auch Sie im Handel haben große Gestaltungsmacht und prägen unsere Gesellschaft entscheidend mit. Schließlich war der Handel immer mehr als nur ein Wirtschaftszweig. Er ist seit jeher ein Vertrauensgeschäft, das auf verlässlichen Beziehungen aufbaut – zu Kundinnen und Kunden, zu Mitarbeitenden, zu Lieferantinnen und Lieferanten.
Der berühmte ehrbare Kaufmann – und natürlich auch die ehrbare Kauffrau – sind kein Relikt aus der Vergangenheit. Es ist vielmehr ein hochaktuelles Leitbild, das für Integrität, Verantwortung und Fairness steht.
Das ist heute so relevant wie eh und je. Denn, meine Damen und Herren, Handel verpflichtet. Er verpflichtet uns, nicht nur nach Profit zu streben. Er verpflichtet uns auch, Verantwortung zu übernehmen als Teil der Gesellschaft.
Genau hier sehe ich eine große Chance für den deutschen Handel: Pionier des Wandels zu sein, Innovation und Verantwortung miteinander zu verbinden, Märkte und Menschen gleichermaßen zu stärken.
Wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung gehören zusammen. Dafür steht der deutsche Handel. Vielen Dank!