- Datum:
- 16.01.2026
Frauen100: Welche Rolle spielen Frauen für unsere wirtschaftliche Entwicklung – und was braucht es, damit sie ihr Potenzial im Arbeitsleben besser nutzen können?
Bärbel Bas: Viele Frauen organisieren ihren Alltag, tragen Verantwortung und sorgen dafür, dass im Job und zu Hause vieles funktioniert. Das sind Fähigkeiten, die im Arbeitsalltag unverzichtbar sind, aber oft als zu selbstverständlich gelten. Genau deshalb dürfen wir uns nicht damit abfinden, dass Frauen beruflich ausgebremst werden.
Viele Frauen nutzen Weiterbildungsangebote, entscheiden sich aber für kurze Formate, weil neben Job und Verantwortung mehr kaum möglich ist. Und ein großer Teil der Sorgearbeit bleibt unsichtbar und unbezahlt.
Ich setze mich dafür ein, dass Frauen Arbeit, Familie und Weiterbildung besser miteinander vereinbaren können. Das Potenzial wäre gewaltig. Noch arbeitet fast jede zweite Frau in Teilzeit. Oft nicht freiwillig, sondern weil es anders kaum möglich ist. Würden schon wenige Prozent dieser Frauen ihre Stunden ausweiten können, entspräche das Hunderttausenden zusätzlicher Arbeitsstunden. Ein Gewinn für die Wirtschaft – vor allem aber für jede einzelne Frau.
Frauen100: Welche Botschaft möchten Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben, die jetzt in Arbeit und Bildung starten?
Bas: Nehmen Sie Chancen wahr, wenn sie sich bieten, auch wenn der Weg nicht immer perfekt vorbereitet ist. Ich selbst habe vieles nicht geplant, aber ich habe "Ja" gesagt, wenn sich Möglichkeiten ergeben haben. Bildung und Qualifikation helfen, unabhängig zu sein.
Genauso wichtig ist ein Umfeld, das einen stärkt: Menschen, die unterstützen, statt Zweifel zu verstärken. Viele Frauen sind sehr verantwortungsbewusst, stellen aber die eigenen Wünsche zurück. Das muss nicht so bleiben. Fragen stellen, Netzwerke nutzen und sich Hilfe holen, wenn man sie braucht! Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Schritt nach vorn.
Frauen100: Wie bewahren Sie in Ihrer Rolle den Blick für das große Ganze, ohne den persönlichen Kontakt zu verlieren?
Bas: Mir ist wichtig, abseits des Berliner Politikbetriebs den Kontakt zur Lebensrealität zu halten. Ich komme aus Duisburg, aus einem Umfeld, in dem einem die Menschen sehr direkt sagen, was gut und was nicht gut läuft. Auch deshalb habe ich Duisburg oft als meinen Seismographen bezeichnet. Wenn ich dort mit Nachbarn, Beschäftigten oder Betriebsräten spreche, merke ich sofort, welche Themen wirklich ankommen und welche nicht. Das erdet und hilft mir, politische Entscheidungen einzuordnen.
Gleichzeitig gehört zu meiner Rolle als Ministerin auch, Entwicklungen im Blick zu behalten, die erst in ein paar Jahren wirken. Für mich gehört also beides zusammen: nah dran bleiben und Verantwortung fürs große Ganze übernehmen.