So sein, wie man ist
Rede von Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, anlässlich der Eröffnung des 15. Weltkongresses "Inclusion for all" - ausgerichtet von der Bundesvereinigung Lebenshilfe und Inclusion Europe am 16. Juni 2010 in Berlin
Sehr geehrte Frau Richler,
sehr geehrte Frau Körner,
sehr geehrter Herr Antretter,
sehr geehrte Frau Farah,
sehr geehrter Herr Doyle,
sehr geehrter Herr Frauendorf,
meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste, herzlichen Dank für die Einladung zu Ihrem 15. Weltkongress. Und gleich an dieser Stelle herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag von Inclusion International. Seit 50 Jahren machen Sie sich stark für die Rechte von Menschen mit geistiger Behinderung. Dafür möchte ich Ihnen persönlich und im Namen der Bundesregierung von Herzen danken!
Ich freue mich sehr, dass Sie mit Ihrem Treffen in diesem Jahr hier in Berlin zu Gast sind. Ich bin wirklich beeindruckt, wie viele Gäste aus Deutschland und aus allen Teilen der Welt zu uns gekommen sind.
Ein herzliches Willkommen Ihnen allen.
Bundesministerin Ursula von der Leyen während ihrer Rede beim 15. Weltkongresses "Inclusion for all" in Berlin
© Hans D. Beyer, Lebenshilfe
Dies soll ein Kongress sein, in dem Menschen mit geistiger Behinderung im Mittelpunkt stehen. Sie sollen sich hier zusammen mit ihren Familien und Freunden
- treffen können,
- sich kennenlernen
- und vor allen Dingen miteinander reden.
Über ihre Wünsche, über ihre Probleme und natürlich auch über ihre Rechte. Es geht heute und in den kommenden Tagen um Ihre Erfahrungen, aber selbstverständlich auch um die Erfahrungen Ihrer Familien. Das finde ich gut. Und ich finde, dass uns das alle angeht! Menschen mit geistiger Behinderung gehören genau wie alle anderen in die Mitte unserer Gesellschaft. Kein Mensch darf ausgeschlossen werden. Kein Mensch soll wegen seiner Behinderung benachteiligt sein. So steht es im Grundgesetz. Die Politik in Deutschland hat sich in den letzten Jahren sehr angestrengt, dieses Ziel zu erreichen. Wir wollen, dass Menschen mit Behinderungen genau so behandelt werden, wie Menschen, die keine Behinderung haben. Wir wollen, dass sie auch die gleichen Hilfen bekommen wie alle Bürgerinnen und Bürger. Wir wollen, dass sie ganz selbstverständlich dazugehören. Wir wollen, dass sie - wie alle anderen auch - selbst über ihr Leben bestimmen können. Wir sind dabei gut vorangekommen, vieles ist besser geworden. Darüber freue ich mich sehr.
Das heißt aber noch lange nicht, dass jetzt alles so ist, wie es sein soll, und dass wir nichts mehr zu tun haben. Es gibt noch eine Menge zu tun. Eine inklusive Gesellschaft, also eine Gesellschaft, in der behinderte Menschen von Anfang an dabei sind, entsteht nicht von selbst. Die Politik und der Staat müssen dafür die richtigen Voraussetzungen schaffen. Das geschieht durch Gesetze. Und durch Ziele und Regeln. Die wichtigsten Ziele und Regeln über die Rechte behinderter Menschen stehen in einem internationalen Vertrag. Konvention wird dieser Vertrag genannt. Die Konvention haben 192 Länder aus der ganzen Welt erarbeitet. Sie legt fest, dass alle Menschen - behinderte und nichtbehinderte - dieselben Rechte haben müssen. Menschen mit Behinderungen dürfen keine Nachteile haben, nicht bei der Ausbildung oder der Arbeit, nicht beim Wohnen oder in der Freizeit oder irgendwo sonst. Die Politik muss darauf achten.
Dabei geht es zum Beispiel um das gleiche Recht auf Bildung: Alle Kinder sollen in eine Schule gehen, miteinander lernen und vor allem auch voneinander können. Und es geht um das Recht auf Arbeit. Die meisten behinderten Menschen können und wollen arbeiten. Sie können und wollen einen Beruf haben, und ihr eigenes Geld verdienen. Deshalb sollen sie dafür die Hilfen bekommen, die sie brauchen. Deutschland hat die Konvention mit als erstes Land unterschrieben. Und wir können in unserem Land spüren, dass uns schon diese Unterschrift ein Stück weiter voran gebracht hat.
Das Thema "Behinderung" findet mehr Aufmerksamkeit. Es ist zum Beispiel öfter in den Zeitungen zu lesen, und es gibt mehr Sendungen im Fernsehen dazu. Auch das ist sehr wichtig. Denn je mehr Menschen sich für das Thema interessieren, und sich über das Thema auch informieren, desto offener gehen wir alle miteinander um. Diese Offenheit brauchen wir. Denn nur so kann es uns gelingen, die Barrieren in unserem eigenen Denken abzubauen. Diese Aufgabe geht uns alle an! Und ein Kongress wie dieser, mit über 2.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der ganzen Welt - mit und ohne Behinderung - ein solcher Kongress kann viel dazu beitragen.
Meine Damen und Herren, wir wollen nicht, dass sich Menschen mit Behinderungen an alle anderen anpassen müssen, damit sie dazugehören können. Wir wollen erreichen, dass Menschen mit Behinderungen so sein können wie sie sind, und genau so überall und selbstverständlich dabei sein können. Inklusion heißt das bei den Fachleuten. Das ist gar nicht so einfach, und das ist auch nicht sehr schnell zu erreichen. Das ist wie eine Reise, bei der wir ein Ziel klar vor Augen haben. Aber wir brauchen gute Reisepartner, wenn wir unser Ziel erreichen wollen. Deshalb will die Bundesregierung, dass Sie, die behinderten Menschen selbst, und ihre Verbände mitmachen bei der Umsetzung der Konvention. Sie wissen am besten, was getan werden muss. Sie müssen mitreden können und sagen, wo die Probleme sind. Und Sie sollen Vorschläge machen, wie wir voran kommen können.
"Nichts über uns, ohne uns." So hieß schon das Motto des Europäischen Jahres für Menschen mit Behinderung 2003. Ein tolles Motto. Das ist der Gedanke, der uns auch jetzt leiten wird. Denn Politik für behinderte Menschen ist Politik für uns alle. Früher hieß es doch oft: "Der kann hier nicht rein, weil er behindert ist." oder: "Die kann hier nicht mitmachen, weil sie behindert ist." Das muss vorbei sein. Ich bin stolz darauf, dass Deutschland mit zu den ersten Ländern gehören wird, die die Konvention in den Alltag umsetzen. Dabei holen wir alle mit an den Tisch, die uns helfen können. Das gemeinsame Europa zum Beispiel ist sehr wichtig. Schließlich sollen gute Regelungen für behinderte Menschen nicht an der Grenze zu anderen Ländern enden. Denken Sie zum Beispiel ans Fliegen oder Eisenbahn fahren. Behinderte Menschen müssen Flugzeuge und Züge in allen Ländern Europas gut benutzen können. Gleiches gilt für die Benutzung von Computern. Oder die Übersetzung von schweren Texten in Leichte Sprache. Auch hier ist es gut, wenn die gleichen Regeln in ganz Europa gelten.
Uns ist das Gemeinsame wichtig. Weil wir wissen, dass wir nur gemeinsam zu einem guten Ergebnis kommen können:
- mit den Vereinen und Verbänden von behinderten Menschen,
- mit den Vertretern der 16 deutschen Bundesländer
- mit den Städten und Gemeinden in Deutschland.
Jeder kann mitmachen, jeder soll mitmachen. Das ist die Idee der Konvention. Unsere gemeinsame Reise haben wir längst begonnen. Unser Ziel ist klar, aber noch sind wir ein gutes Stück unterwegs. Ich wünsche Ihnen und uns allen eine gute gemeinsame Reise zu unserem Ziel.
Vielen Dank!
