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"Wir brauchen einen Pakt für anständige Löhne"

Parlamentsrede von Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles.
  • Anfang 05.09.2017

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, diese Regierung hat erfolgreich gearbeitet, insbesondere in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.
Die Beschäftigung boomt. Wir haben die niedrigste Arbeitslosenquote. Sogar die niedrigen Löhne steigen dank des Mindestlohns wieder.

Trotzdem finde ich es reichlich abgehoben, Frau Merkel, wenn Sie sich heute hier hinstellen und in Selbstzufriedenheit erklären: „Darüber dürfen wir uns freuen“. Was glauben Sie, wie ich mich gefreut habe, als ich den Mindestlohn nach monatelangem, zähem Ringen mit Ihrer Fraktion durchbekommen habe?

Aber der Mindestlohn ist kein guter Lohn. Deswegen muss unser Ehrgeiz über diesen Mindestlohn hinausgehen. Mindestlohn heißt doch noch lange nicht, dass die Leute anständige Löhne für ihre harte Arbeit bekommen. Fragen Sie einmal den Hermes-Boten, ob er bekommt, was er verdient, die Altenpflegerin oder den Altenpfleger, ob sie bekommen, was sie verdienen. Dabei werden Sie feststellen: Nein. Deswegen wollen wir anständige Löhne, von denen die Leute leben und eine anständige Rente bekommen können.

Wie schaffen wir das? Wir haben einiges auf den Weg gebracht: den Missbrauch bei Leiharbeit eingedämmt, für die Werkarbeitnehmer endlich einen Rechtsanspruch für die Betriebsräte durchgesetzt. Aber wir brauchen in diesem Land vor allem wieder mehr Arbeitgeber, die tarfifgebunden sind. Helfen Sie uns dabei, dafür zu sorgen, dass im nächsten Jahr bei den Betriebsratswahlen auch dort Betriebsratswahlen stattfinden, wo heute noch gar kein Betriebsrat existiert!

Wir brauchen an dieser Stelle Unterstützung.

Wir brauchen aber auch einen Pakt für anständige Löhne. Denn eines ist klar: Gerade in den sozialen Berufen bekommen die Leute nicht die Wertschätzung, die sie verdienen. Derzeit wird der Kosten- und Wettbewerbsdruck in der Pflege, im Bereich der sozialen Berufe einzig auf den Schultern der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in diesem Land abgeladen. Deswegen müssen wir auch die Kirchen, die freien Träger mit ins Boot nehmen. Wir brauchen eine Anstrengung, damit hier endlich wieder tarifliche Strukturen existieren, die die Menschen schützen und ihnen anständige Löhne garantieren.

Aber was wir in Deutschland nicht brauchen, ist sachgrundlose Befristung. Deren Abschaffung haben wir nicht im Koalitionsvertrag verabredet, Herr Bartsch. Das hätten wir gerne gewollt, aber das hat unser Koalitionspartner verhindert. Versuchen Sie einmal mit einem befristeten Arbeitsvertrag - 45 Prozent der Einstellungen erfolgen heute auf befristeten Arbeitsverträgen - in Berlin, in Hamburg, in München, in Stuttgart oder irgendwo sonst eine Wohnung zu bekommen. Versuchen Sie einmal einen Kredit zu bekommen. Versuchen Sie einmal, ein Auto zu kaufen. Sie werden feststellen, dass das faktisch unmöglich ist. Junge Leute können auf befristeten Verträgen keine Familienplanung aufbauen. Wir brauchen die sachgrundlose Befristung in diesem Land nicht mehr. Deswegen gehört sie abgeschafft.

Was ist einer der Hauptgründe für niedrige Löhne in diesem Land? Das ist die Teilzeit. 46 Prozent der Frauen arbeiten in Teilzeit, teilweise unter 20 Stunden.

Warum machen die Frauen das? Die Frauen machen das für die Familie, für die Kinder. Die machen das, weil sie nicht Kinder bekommen, um sie dann direkt weg zu organisieren - das verstehe ich als Mutter sehr gut. Wenn sich Frauen also für Teilzeit, für die Familie entscheiden, wie reagieren wir in diesem Land darauf? Mit einer doppelten Bestrafung. Erstens. Wenn sie zurückkommen wollen, stellen sie oft fest: Oh, die Jungs haben sich die Claims schon wieder neu abgesteckt, Rückkehr ist gar nicht möglich. - Zweitens. Aus der Karriereplanung und aus der Weiterbildung sind sie raus. Und dann kriegen sie als Bonbon, als doppelte Bestrafung, wenn sie jahrzehntelang Teilzeit gearbeitet haben, am Ende natürlich auch keine Vollzeitrente. Ich sage Ihnen: Es ist ein Skandal, dass wir eines der größten Potenziale in diesem Land, unsere gut ausgebildeten Frauen, die sich phasenweise für die Familie entscheiden, am Ende so hängen lassen.

Sie und niemand anders hat das Gesetz zur Rückkehr von Teilzeit in Vollzeit, das fertig in der Schublade liegt, verhindert. Höchstpersönlich. Frau Merkel hat gesagt: Wir wollen das erst ab einer Betriebsgröße von 200 Beschäftigten.

Ich sage Ihnen: Dann hätte dieses Gesetz 7,3 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gar nichts gebracht. So ein Gesetz machen wir doch nicht. Wir machen doch keine Gesetze, damit sie auf dem Papier stehen. Wir machen Gesetze für die Realität, damit die Frauen in diesem Land etwas davon haben.

In diesem Zusammenhang sage ich Ihnen: Lieber Martin Schulz - in Klammern: Mann - und Andrea Nahles - in Klammern: Frau - als Angela Merkel - in Klammern: Frau -; denn für die Frauen bringt es in dieser Frage am Ende eindeutig mehr, wenn sie Martin Schulz wählen.

Was ich Ihnen ganz offen und klar sagen muss, ist Folgendes: Sie haben ein sehr schönes Ziel ausgerufen. Ich persönlich bin sehr dafür. Wir wollen Vollbeschäftigung. Sie haben auch gesagt, dass Sie das erreichen wollen. Wenn man aber Vollbeschäftigung erreichen will, dann muss man endlich auch den Mumm haben, die verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit anzupacken.

Sie, Frau Merkel, und Herr Schäuble haben es wirklich geschafft, mich am langen Arm verhungern zu lassen, was das Programm zur Förderung öffentlicher Beschäftigung und sozialer Teilhabe angeht. Gerade einmal 20.000 Plätze konnte ich im Rahmen dieses sehr erfolgreichen Programmes besetzen. In diesem Land warten aber Hunderttausende von Langzeitarbeitslosen darauf, endlich eine Chance zu bekommen.

Dass sie Arbeit im öffentlich geförderten Bereich finden, ist ihre einzige Chance. Wir brauchen mindestens 100.000 Plätze, um in der Fläche zu Erfolgen zu kommen. Das kostet 2 Milliarden Euro.

Und jetzt sagen Sie mir: Wollen Sie die 2 Milliarden Euro in die Hand nehmen, ja oder nein? Das ist doch ganz einfach. Das können Sie den Wählern doch vor der Bundestagswahl erzählen. Sie könnten den Wählern vor der Bundestagswahl sagen: Jawohl, es gibt 2 Milliarden Euro mehr für Langzeitarbeitslose. - Dann wären wir doch glücklich. Dann wären wir doch schon zufrieden.

Aber das werden Sie nicht tun; denn bisher haben Sie es auch nicht gemacht. Wir hätten das ja gerne gemeinsam umgesetzt. Es ist ja nicht so, dass es an uns gescheitert wäre.

Darüber hinaus gibt es leere Versprechungen aller Art, auf die ich jetzt nicht eingehen will. Aber dass Sie sich zu einem Punkt klar bekannt haben, war ja wirklich überraschend. Sie sind jetzt gegen die Rente mit 70. Okay, das wird ja jetzt gar nicht so diskutiert. Herr Schäuble, Herr Spahn und andere diskutieren ja eher über eine Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Das ist eine andere Mechanik. Das ist so eine Art Automatismus der Renteneintrittsaltererhöhung.

Gilt die klare Aussage "keine Rente mit 70" auch für diese Forderung? Das wäre meine Frage, Frau Merkel; denn das ist es, was eigentlich diskutiert wurde in den letzten Monaten, übrigens auch in der Rentenkommission, die ich letztes Jahr geleitet habe.

Wir haben klar gehört, was Sie zur Rente gesagt haben. Ich nehme Sie jetzt einmal beim Wort, dass es keine Rente mit 70 geben wird. Die eigentliche Frage, über die wir hier die ganze Zeit reden, ist aber doch nicht die des Renteneintrittsalters. Die eigentliche Frage ist, ob wir das Gesetz ändern. Jetzt ist die Rechtslage ja so: Dieses Gesetz wurde Anfang der 2000er-Jahre auch mit sozialdemokratischen Stimmen gemacht, weil wir 5,3 Millionen Arbeitslose hatten, weil die Frauenerwerbstätigkeit niedrig war, die Zuwanderung minimal und weil die Älteren ab 55 zum alten Eisen geschoben wurden. Das war die Lage Anfang der 2000er-Jahre.

Die Lage ist mittlerweile völlig anders. Wir haben die höchste Frauenerwerbstätigenquote mit 74 Prozent.

Wir haben tatsächlich keinen Unterschied mehr bezüglich der Beschäftigung von 60-Jährigen gegenüber 50-Jährigen oder 40-Jährigen. Die sind alle gleichermaßen in Beschäftigung.

Wir haben eine wesentlich bessere Situation bei der Zuwanderung, und zwar auch schon vor der Flüchtlingskrise. Vor allem haben wir nur noch 2,5 Millionen Arbeitslose. Das befähigt uns, ein Versprechen zu geben, das das Vertrauen in die gesetzliche Rentenversicherung in diesem Land wiederherstellt; denn dieses Vertrauen ist bei den jungen Leuten weg, das ist einfach zerstört.

Bei der Bundestagswahl am 24. September geht es darum: Wollen wir, dass das Rentenniveau weiter sinkt oder wollen wir eine gesetzlich festgelegte Haltelinie einziehen, damit das Rentenniveau auch für die jüngeren Leute gleich bleibt.

Wenn Sie das mit uns machten, hätten wir viel gewonnen. Aber das haben Sie abgelehnt. Ich finde aber, dass man das den Leuten vor der Wahl ganz klar sagen muss.

Die jüngere Generation ist die Gelackmeierte. Sie bezahlt mehr Beiträge - das können wir wegen der Babyboomer, die zusätzlich in Rente kommen, nicht verhindern -, aber hat, wenn es nach Ihnen geht und wir nichts machen, unterm Strich überhaupt nichts davon. Sie zahlt mehr und bekommt weniger Rente.

Das zerstört auf Dauer das Vertrauen in die wichtigste Säule unseres Sozialsystems, die Rente.

Deswegen ist die Sicherung des Rentenniveaus für uns erste Priorität.

Ja, wir haben an vielen Stellen sehr gut regiert; aber Deutschland braucht mehr und Deutschland kann mehr, vor allem soziale Gerechtigkeit.

Vielen Dank.

Parlamentsrede von Andrea Nahles

Mitschnitt der Bundestagsrede von Andrea Nahles.