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Transkript zum Podcast - Die Zukunft der Arbeit, 4. Folge vom 30.09.2019 "Zukunftsforschung"

24. Oktober 2019

Behr: Vielleicht kennen Sie ja diese Videos aus dem Netz. Von einem Unternehmen namens Boston Dynamics. Wie dieses.

Es trägt den Titel "Parkour Atlas" und dauert 29 Sekunden. Wir sind in einer Art Fabrikhalle. In der Mitte des Bildes liegt ein großer Baumstamm. Dann erscheint in einer Art Dauerlauf ein aufrecht sich bewegender Roboter. Zwei Beine, zwei Arme, einen Rumpf. Er springt über den Baumstamm. Schnitt. Er erklimmt in dynamischen Bewegungen erst ein, dann zwei, dann drei Stufen einer Holzkonstruktion. Um den Effekt zu verstärken wird dieses Erklimmen noch einmal in Zeitlupe wiederholt.

Dieses Video wurde innerhalb des letzten halben Jahres etwa 8 Millionen mal angeklickt. Und die Reaktionen der Menschen lassen sich in den bis jetzt gut 22.000 Kommentaren nachvollziehen. Sie schwanken zwischen Ehrfurcht, Begeisterung und – Angst.

Warum reagieren wir so auf diese Bilder?

Dies ist eine Geschichte in fünf Kapiteln. Eine wahre Geschichte, die in Deutschland im Jahr 2019 spielt. Und es geht um viele verschiedene Menschen, die uns von sich und ihrer Arbeit erzählen werden. Wie sich alles ändert, wie sie damit umgehen und warum wir alle optimistisch sein sollten. Das denkt auch Herr Schildhauer, der sich einer wirklich großen Frage widmet: Wie wirkt sich das Internet auf die Gesellschaft aus?

Schildhauer: Stellt euch gerne mal ein auf Systeme, die euch begleiten.

Behr: Und wie in jedem Kapitel sitze ich mit dem Minister für Arbeit und Soziales zusammen, Herrn Heil, dem ich diese Geschichte erzähle.

Heil: Ich grüße Sie herzlich.

Behr: "Die Zukunft der Arbeit: So qualifiziert sich Deutschland". Ein Podcast vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Mein Name ist Heiko Behr.

Kapitel 4.

Was die Digitalisierung mit sich bringt, sind Befürchtungen. Und Roboter, wie in den Videos der Firma Boston Dynamics, zahlen genau auf dieses Konto ein. Es geht dabei um Menschenähnlichkeit. Die Bewegungen dieser Roboter sind noch etwas eckig, die Schritte noch etwas unrund, aber es ist offensichtlich: die Robotik nähert sich an. Damit verbunden ist ein Gefühl, das den Namen „Uncanny Valley“ trägt. Vereinfacht bedeutet dieser Begriff, dass allzu lebensechte künstliche Kreaturen bei uns Menschen schwer zu definierende Gefühle auslösen. Wachsfiguren, Frankensteins Monster oder eben Androiden, Avatare – und Roboter.

Was nun hineinspielt in dieses Phänomen ist die Befürchtung, dass wir alle ersetzt werden durch Roboter. Hollywood spielt dieses Phänomen seit Jahrzehnten durch.

Herr Heil, es gibt im Kino ja dieses komplette Genre Dystopien. Also die Zukunft, nur in richtig düster und hoffnungslos. "Blade Runner", "Terminator". Können Sie mit solchen Filmen etwas anfangen?

Heil: Ich habe mir "Terminator" auch im Kino angeguckt, nicht alle Teile, glaube ich. Es ist eine künstlerische Auseinandersetzung. Ich habe nur eine andere Einstellung. Ich glaube, dass Menschen von positiven Beispielen immer mehr lernen als von abschreckenden. Dass wir aufpassen müssen bei allen Risiken, die man nicht ignorieren darf, dass wir nicht nur noch verängstigt sind. Das ist eine Einstellungsfrage. Es gibt Gefährdungen in dieser schönen neuen Welt, es gibt Leute, die Digitalisierung mit Ausbeutung verwechseln. Die glauben, dass die Rechte von Beschäftigten keine Rolle mehr spielen, dass es keine Gewerkschaften mehr geben müsse, keine Mitbestimmung. Und es gibt auch Dinge, die auf den ersten Blick sehr verstörend sind und kulturell nicht akzeptiert. Das ist unterschiedlich. In Japan, die ähnlich vor Herausforderungen stehen wie wir in Deutschland, da sind Pflegeroboter viel akzeptierter als in Deutschland. Aber die Vorstellung, dass anonyme Dinge die Macht übernehmen, finde ich weit weg.

Behr: Eine sehr zukunftszugewandte, optimistische Perspektive verströmt Professor Dr. Dr. Thomas Schildhauer. Der Mann ist Internetforscher, er hat eine Professur für Electronic Business, er ist Informatiker und Marketingforscher. Jawohl, das klingt sehr umtriebig. Er ist zudem Forschungsdirektor am Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft HIIG. Und ich lasse ihn mal selber erklären, was dort passiert:

Schildhauer: Das ist ja vor neun Jahren gegründet worden. Mit sozusagen der Starthilfe des Unternehmens Google und wir haben dort ein sehr interdisziplinäres Institut aufgebaut mit Juristen, Informatikern, Sozialwissenschaftlern, Designern, Gestaltern, Betriebswirten natürlich. Und beschäftigen uns mit der Fragestellung, wie sich das Internet auf die Gesellschaft auswirkt. Wirtschaftliche Fragestellungen, wie sich die Arbeit verändert, wie sich die digitale Bildung verändert – aber auch die Frage der Privatheit und Privatsphäre der Menschen, wie die geschützt werden kann.

Behr: Den Begriff des Uncanny Valley kennt er zwar, glaubt aber, dass dieses Phänomen keine große Rolle spielen wird, in Zukunft:

Schildhauer: Es ist aus meiner Sicht schon so, dass wir Robotiksysteme entwickeln werden, die nicht unbedingt humanoide, im Sinne von sie bilden den Menschen nach, daherkommen werden. Der Effekt, den ich eher feststelle, ist, dass sich die Menschen sehr stark der Technik versuchen unterzuordnen und anzunähern. D.h. wenn irgendwas nicht so funktioniert, wie man es erwartet, versucht man workarounds zu finden, also sich so damit auseinanderzusetzen, dass es doch noch funktioniert. Ein Beispiel. Wir haben gerade hier im Umfeld von Berlin viele Scannerkassen zur Selbstbedienung eingerichtet. Die natürlich am Anfang erstmal nicht so funktionieren. Und man sieht, wie die Menschen versuchen, mit diesen Robotiksystemen zurechtzukommen. Weil die wollen natürlich ihre Sachen einscannen und mit nach Hause nehmen. Der Mensch, das kann man beobachten, passt sich sehr stark an das Thema an. Und da müssen wir schon drauf achten, wer gibt idealerweise vor, wie wir uns da verhalten sollten im Kontext mit der Technik.

Behr: Das greift jetzt schon etwas voraus, ins fünfte Kapitel, wo uns zwei Philosophinnen auf genau diese Probleme stoßen werden: Wie wollen wir mit den Robotern und den Computern leben? Aber das greift, wie gesagt, etwas weit voraus. In den Kapiteln 1 und 2 haben wir ja von Männern gehört, die ihr Leben umgekrempelt haben. Die durch das Qualifizierungschancengesetz Weiterbildungen durchlaufen bzw. aus der Arbeitslosigkeit herausgezogen wurden. Durch das Zusammenspiel von Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Arbeitsagentur und Politik. Wie könnte aber die Zukunft von Weiterbildung aussehen? Auch hier bewegt sich viel.

Schildhauer: Die Zukunft der Weiterbildung ist eine für uns herausfordernde Fragestellung. Wir beschäftigen uns im Kontext der digitalen Bildungsinstrumente insbesondere damit, wie man Menschen, die schon viel Erfahrung in ihrem Arbeitsumfeld haben, auch mit in den digitalen Handlungsraum positiv reinnehmen kann. Also nehmen wir das Beispiel Handwerker, die sich fortbilden wollen, die mit der Digitalisierung Schritt halten wollen. Wir forschen in der Frage sogenannter adaptiver Lernsysteme, d.h. die Menschen, die sich in diese Lernsysteme begeben und da sprechen wir einerseits von den klassischen analogen Lernsystemen – man geht in ein Seminar oder ähnliches – aber eben auch von digitalen Lernsystemen, wo ich mich über mein Smartphone oder den Laptop in Lernwelten hineinbewegen kann, die sich auf mich einstellen können. Und das ist sozusagen ein Teil der Weiterbildung wie wir es sehen, weil gerade auch Handwerker haben gar nicht mehr die Zeit, sich intensiv in Seminare zu begeben, weil so viele neue, wichtige, den Arbeitsprozess betreffenden Herausforderungen auf die Menschen einstürmen, dass es parallel andere Wege geben muss. Und da wäre es ja toll, wenn man ein System hätte, das einen begleitet und letztlich weiß, wie ich gerne lerne, welche Lernmodalität die beste ist und wo ich mit meinem Lernen aufsetze. Das ist das, was wir mir Lernen 4.0 meinen.

Behr: Lernen 4.0. Jawohl, das gibt es natürlich auch.

Schildhauer: D.h. also teilweise sprechen wir auch von Systemen mit einem Lernavatar. Stellen Sie sich einen kleinen Lernbegleiter vor, der mitbekommt, welche Themen mich interessieren, beruflich wie privat, der mir kleine Nuggets, also kleine Lernbausteine vorschlägt, mit denen ich mein Wissen erweitern kann. Und vielleicht das Ganze auch kombiniert mit spielerischen Elementen, das nennen wir Gamification. Wo ich beispielsweise im Lern/Quizduell mich mit anderen vergleiche und dadurch spielerisch lernen kann. Da haben wir gute Erfahrungen gemacht, in wissensintensiven Berufen, Versicherungen, Menschen, die immer wieder neue Aspekte der Produkte sich aneignen müssen. Diese über solche Momente zu motivieren, sich mit neuer Art Lernen zu beschäftigen. Lernen 4.0 ist also für uns der adaptive Kompetenzentwicklungspfad, der sehr situativ und individuell aufgesetzt wird.

Behr: Weiterbildung, das heißt ja im Moment Seminare, wochenweise oder monatsweise. Was aber wäre, wenn die Weiterbildung in genau dem Moment beginnt, wo mir Kenntnisse fehlen?

Schildhauer: Da gab es Erkenntnisse von einigen Forschungsprojekten, die vom BMBF gefördert wurden, wo wir gedacht haben, es wäre toll, ein Arbeiter an der Maschine hat vielleicht eine neue Produktionsmaschine, Kontext Industrie 4.0, vielleicht sogar mehrere Maschinen, die miteinander kommunizieren, da tritt ein Problem auf, die Produktion steht plötzlich still, jetzt braucht der Mitarbeiter an der Maschine plötzlich eine Lerneinheit, um dieses Problem zu lösen. Das ist das, was wir unter situativ verstehen.

Behr: Ok, situatives Lernen. Lernen 4.0. Verstanden, das wäre eine Möglichkeit. Wie konkret aber, lieber Herr Schildhauer?

Schildhauer: Stellt euch gerne mal ein auf Systeme, die euch begleiten. Also manch ein Mensch lernt lieber über Videos, mancher liest lieber Texte. Ich persönlich höre sehr gerne Podcasts und lerne darüber gut. Und wenn sich das Lernsystem auf mich einstellt und mir meine Lernmodalität anbietet, dann ist das schon mal ein ganz entscheidender Vorteil. Wir versuchen die Menschen zu motivieren, sich mit neuen Möglichkeiten auseinander zu setzen und bieten das sehr experimentell an.

Behr: Herr Heil, wenn Sie diese Zukunftsszenarien von Herrn Schildhauer hören, wie klingt das für Sie?

Heil: Ich habe vor kurzem in einem KI-Zentrum in Kaiserslautern solche Dinge mal ausprobieren können. Auf den ersten Blick wirkt das gewöhnungsbedürftig. Man hat Hirnströme gemessen, die ich hatte. Und die Frage, wie aufmerksam guckt man bei Lernsoftware auf bestimmte Teile. Ich hatte schon das Gefühl von Kontrolle und Überwachung. Auf der anderen Seite, als ich es verstanden habe, es hilft beim Lernen. Und es muss ausgehandelt werden, was wir machen können und was nicht. Dass man z.B. Lernsoftware intelligenter macht und besser einsetzt, um Menschen und ihre spezifischen Fähigkeiten zu entwickeln, das halte ich erstmal für einen guten Ansatz.

Behr: Wenn wir uns an die Geschichten in Kapitel 1 und 2 erinnern, Männer die sich weiterbilden, dann funktioniert das ja nur durch das komplette System. Durch ein Ineinandergreifen verschiedener Seiten. Der Mann selber, ein Chef, der an ihn glaubt, der sogenannte Bildungsträger, wo seine Ausbildung läuft. Aber es gibt natürlich auch eine Stufe davor. Menschen, die die Grundlagen für das ganze System entwickeln. Eine dieser Menschen ist Britta Matthes. Sie ist viel unterwegs.

Sie arbeitet beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Kurz: IAB. Das ist im Prinzip das wissenschaftliche Institut der Bundesagentur für Arbeit, das die Forschung über Arbeitsmarkt und Qualifizierung in der Bundesagentur macht. Dort ist Frau Matthes Leiterin einer Forschungsgruppe, die sich mit der Frage beschäftigt, inwiefern die digitale Transformation zu einer Veränderung der Berufe und zu einer Veränderung der Struktur des Arbeitsmarktes führt. Ein klassisches Beispiel ist der Beruf des Bergarbeiters. Und dass Technik körperliche Arbeit reduziert, wer will sich da beschweren. Dass die Maschine hier übernehmen wird, ist offensichtlich. Die Veränderung bezieht sich aber auch auf weniger offensichtliche Berufe.

Matthes: Wenn ich mir anschaue den Beruf Sekretärin oder Telefonistin. Früher haben die Telefonistinnen in Schaltzentralen gesessen und haben Gespräche vermittelt. Und inzwischen ist die Tätigkeit was komplett anderes. Es werden eher Produkte per Telefon verkauft und es werden Auskünfte erteilt, aber auch nur sehr schwierige Auskünfte. Da hat sich die Arbeit komplett verändert.

Behr: Herr Heil, wir halten mal kurz etwas Offensichtliches fest: die Arbeitswelt verändert sich, wir müssen und wir dürfen damit umgehen. Es geht auch um die Perspektive, oder? Dass als Chance zu sehen und weniger als Bedrohung?

Heil: Das ist so. Wobei ein Unterschied ganz offen ausgesprochen werden muss zur Veränderung der Arbeitswelt in der Vergangenheit: das Tempo ist viel größer. Die technischen Sprünge, vor denen wir in der Arbeitswelt stehen, sind sehr viel rascher da als früher. Das macht es anstrengender. Auf der anderen Seite gibt es viele Möglichkeiten. Wie Frank Schirrmacher, der frühere Herausgeber der FAZ, der sich sehr intensiv mit diesen Themen gesellschaftspolitisch auseinandergesetzt hat, sagte: „Egal wie wir es nennen. Industrie 4.0 oder Big Data. Alles wird sich auf der Welt durchsetzen, das mehr Produktivität und Geschäftsmodelle verspricht.“ Aber ob es ein Fortschritt für viele oder wenige ist, das liegt an uns. An unserer sozialen und rechtlichen Gestaltung. Und deshalb müssen wir Gas geben, was das Aushandeln betrifft. Was sich deckt mit den Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Bundesagentur für Arbeit und unseren Beobachtungen, das ist, dass uns die Arbeit nicht ausgehen wird. Es wird in vielerlei Hinsicht aber andere Arbeit sein. Und das zu gestalten und zusammenzubringen, das ist die politische Aufgabe, in der wir schon stehen.

Behr: Wenn jemand darauf besteht und sagt, nein, Weiterbildung schön und gut, ich habe einfach Angst, dass ich weggesprengt werde durch eine Technik, die vielleicht morgen kommt, was sagen Sie dem oder der?

Heil: Dass es nicht überall auf dem Arbeitsmarkt so sein wird. Dass in vielen Bereichen der Beruf nicht weg sein wird. Aber dass sich zum Teil Tätigkeitsanforderungen verändern. Und dass es Bereiche gibt, wo das tatsächlich so ist. Irgendwann kam die E-Lok und dann brauchte es den Heizer nicht mehr, der früher die Lokomotive mit Kohle befüllen musste. Und solche Entwicklungen erleben wir auch. Und das alles gleichzeitig. Arbeit, die nicht verschwindet, aber sich verändert. Was wir in den Blick nehmen müssen, ist die Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Was muss getan werden, damit sie den Anschluss nicht verlieren. Ich habe eine Vision, im Sinne von Leitbild. Ein Leitbild könnte sein zu sagen, dass wir zukünftig nicht mehr sowas wie eine Arbeitslosenversicherung haben, sondern eine Arbeitsversicherung. Die Beschäftigungsfähigkeit frühzeitig in den Blick zu nehmen. Festzustellen, was ist da an Kompetenzen, wie verändert sich der Arbeitsmarkt, welche Angebote können wir machen, damit Menschen sich frühzeitig weiterqualifizieren können. Dieses Land muss eine lernende Gesellschaft sein, wenn wir davon ausgehen, dass wir eine Arbeitsgesellschaft bleiben – und davon gehe ich aus, weil wir keinen Hinweis darauf haben, dass uns wirklich die Erwerbstätigkeit ausgeht. Es wird Tätigkeiten und Arbeitsplätze in Zukunft geben, aber sie werden sich verlagern. Wir müssen jetzt die Weichen stellen, für den Wandel der Arbeitsgesellschaft. Ich mache ein Beispiel: die gute Nachricht ist, dass der Wandel in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt hat, dass weniger Menschen als früher sich körperlich kaputt rackern müssen. Die Leute, die früher mit körperlich harter Arbeit gearbeitet haben, gibt es immer noch – aber es sind weniger. Die Zahl der Arbeitserkrankungen aufgrund von körperlichem Verschleiß hat abgenommen, wir haben noch die klassischen Dinge, die wir demnächst mit technischem Fortschritt noch besser unterstützen können. Wie Rückenerkrankungen, da gibt es demnächst das Exoskelett, das mithilft, dass man nicht mehr so schwer heben muss. Aber was gleichzeitig zugenommen hat, ist die Zahl von psychischen Erkrankungen. Und das hat auch mit neuer Hektik und neuen Anforderungen zu tun. Dass Menschen auch seelisch in die Knie gehen können in so einer beschleunigten Entwicklung. Und dafür brauchen wir auch Konzepte. Zum Beispiel wird sich die Frage des Arbeitsschutzes als klassischem Feld von körperlichem Arbeitsschutz stärker in diesen Bereich verlagern. Aber das zeigt, dass wir insgesamt in der Arbeitsmarktpolitik ein bisschen nach vorne denken wollen und nicht glauben, wir könnten uns die Augen und die Ohren zuhalten, dann geht schon alles vorbei.

Behr: Ich bin immer wieder über einen Begriff gestolpert in den Papieren Ihres Ministeriums. Ein Grundlagenbegriff namens „Substituierbarkeitspotential“. Ich habe bei der Expertin nachgefragt, die diesen Begriff überhaupt erst mitgeprägt hat...

Matthes: Es geht letztlich darum, für jede einzelne Tätigkeit zu identifizieren, gibt es eine Maschine, ein Computerprogramm, was diese Tätigkeit genau und automatisch erledigen kann, ohne menschliches Zutun. Und wenn das der Fall ist, kann man davon ausgehen, dass die Maschinen das dann auch theoretisch übernehmen können. Das war quasi die Geburtsstunde des Substituierbarkeitspotentials, um dann so relativ einfache Schlussfolgerungen wie „Das ist identisch mit Substitution“ zu vermeiden, haben wir ganz bewusst gesagt: Das ist das Substituierbarkeitspotential.

Behr: Bisschen kompliziert, deshalb fasse ich nochmal zusammen: Substituierbarkeitspotential heißt: der Anteil der Tätigkeiten in einem Beruf, der bereits heute von Computern oder computergesteuerten Maschinen nach programmierbaren Regeln erledigt werden könnte.

Was sind die Berufszweige mit den höchsten Substituierbarkeitspotenzialen?

Matthes: 2016 waren das, wenn man es mal ganz grob sagen würde, Fertigungsberufe. Berufe die in der Industrie angesiedelt sind. Der Lagerarbeiter hat ein sehr hohes Substituierbarkeitspotential, dennoch ist es so, dass die Anzahl der Lagerarbeiter in den letzten Jahren gestiegen ist. Insgesamt kann man schon sagen, wenn Tätigkeiten substituierbar sind, dass sie dann vom Arbeitsmarkt auch substituiert sind. Aber eben nicht unbedingt. Weil andere Effekte noch eine Rolle spielen. Lagerarbeiter deswegen, weil auch die Digitalisierung zu einem erhöhten Aufkommen von Paketgeschichten geführt hat. Andere Bereiche sind eher so Bankkaufleute. Bankkaufleute haben eine relativ hohe Betroffenheit, schlägt sich auch in der Beschäftigung nieder. Man sieht, dass die Anzahl der Bankangestellten sehr stark zurückgegangen ist. Was damit zu tun hat, dass Online-Banking normal geworden ist.

Behr: Welche Berufe waren denn weniger betroffen?

Matthes: Weniger betroffene Berufe waren 2016 eher so soziale und medizinische Gesundheitsberufe. Aber da gibt es auch einen kleinen, interessanten Aspekt. Weil, gerade bei den medizinischen Gesundheitsberufen haben wir festgestellt, dass die schon einen relativ starken Anteil technologischer Kompetenzen haben, aber diese medizinischen Gesundheitsberufe haben sich in den letzten Jahren sehr stark an den digitalen Wandel orientiert und entsprechend verändert. Viele Tätigkeiten von Krankenschwestern, die die Dokumentation betrafen, zum Beispiel ob Kranke ausreichend trinken, übernehmen andere Geräte inzwischen. Oder in den Krankenhäusern wurden bestimmte Tätigkeiten wie Überprüfung, ob Medikamente nicht abgelaufen sind... das wird darüber gelöst, dass man Scanner hat und die Krankenschwestern nicht zuständig sind, sondern eine ganz neue Berufsgruppe überprüft, ob Medikamente abgelaufen sind.

Behr: Bleiben wir noch für einen Moment innerhalb des Systems. Jetzt wurden also Substituierbarkeitspotentiale festgestellt, ok, aber was hat das für Auswirkungen auf Weiterbildung, auf Ausbildung?

Ich habe einen Termin beim Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn, Herrn Esser. Das Institut liefert Daten an die Ministerien der Bundesregierung. Daten aus der Berufsbildungsforschung. Diese Daten wiederum entwickeln sie zusammen mit Betrieben und deren Ausbildern.

Esser: Wenn die Wirtschaft ein Signal gibt oder die Politik, die zuständigen Ministerien, man müsste an der und der Stelle die eine oder andere Ausbildungsordnung überarbeiten, dann ist das gegebenenfalls als These formuliert, als Vermutung. Es gibt bestimmte Hinweise, dass man uns beauftragt, schaut doch mal rein, ob ein Veränderungsbedarf wirklich da ist in der Praxis. Das ist eine Aufgabe. Und eine zweite Aufgabe ist, den Prozess zu begleiten, zu moderieren, zu unterstützen. Wir helfen dabei, die Ausbildungsziele, die im sogenannten Ausbildungsrahmenplan festgelegt sind, zu konkretisieren, zu operationalisieren. Wir machen das mit sogenannten Sachverständigen, die aus den jeweiligen Bereichen kommen. Dazu gehört dann auch, das Berufsbild zu definieren.

Behr: Herr Esser, was wäre da ein konkretes Beispiel?

Esser: Ein Beispiel war die agil unternommene Neuordnung der Metall- und Elektroberufe. Hier sind in den Berufsbildern Veränderungswünsche aufgeschlagen, die zwar nicht flächendeckend über alle Betriebe der Metall- und Elektrobranche maßgeblich sind, wo viele Betriebe gesagt haben: an der und der Stelle brauchen wir ganz konkrete Neufassungen vom Qualifikationsbereich. Ein wichtiger Punkt war, dass man das Thema Schlüsselqualifikation präzisieren musste. Ein wichtiges Schlagwort ist hier die Prozesskompetenz: dass von Fachkräften immer stärker erwartet wird, in den gesamten Prozessen eines Produktionsverlaufes zu denken. Und weniger isoliert auf einzelne Arbeitsplätze.

Behr: Und dann, ich bin schon fast auf dem Weg zur Tür, richtet sich Herr Esser noch einmal an mich.

Esser: Unsere Projektionen, auch andere Forschungsinstitute, belegen, dass die Digitalisierung zwar Arbeitsplätze abbauen wird in einem bestimmten Umfang. Aber mindestens genauso viele wieder entstehen lässt. Man muss keine Sorge haben, dass wir zu wenig Arbeit haben in Deutschland, sondern man muss dafür Sorge tragen, dass man diesen Wandlungsprozess auch ein Stück weit schultern kann. Und da ist Bildung das beste Rezept.

Behr: Bildung, das entscheidende Stichwort. Das beschrieb Frau Matthes zuvor, die Daten erhebt, aber auch Herr Esser, der die Aus- und Weiterbildung weiterentwickelt. Bildung muss den Wandel begleiten. Denn Wandel ist etwas, das man mitgehen kann. Es passiert dir nicht, du gehst es selber an. Erinnern Sie sich an die Roboter aus den Videos? Am Anfang dieses Kapitels? Vor denen so viele Menschen Angst bekommen? Hier ist der Clou, der nur in wenigen Videos zu sehen ist: Die Roboter werden ferngesteuert. Von – Menschen.

Dies war das vierte Kapitel dieses Podcasts. Geschichten über Roboter, Scanner und das Gefühl der Ersetzbarkeit.

Im fünften und letzten Kapitel dieser Geschichte blicke ich mit Bundesarbeitsminister Heil in die Zukunft: Wie geht es weiter mit der Arbeit in Deutschland?

Und wir lernen zwei Philosophinnen kennen, die sich mit der Zukunft der Arbeit auseinandersetzen – beide auf unterschiedliche Art und Weise.

Herzog: Ich denke, Arbeit bedeutet den allermeisten Menschen mehr als das reine Geldverdienen.

Behr: Das sagt Frau Herzog. Und schließlich wird Herr Heil mit uns einen Ausblick wagen: Wie geht es weiter in der Digitalisierung? Wie sollte man reagieren durch Weiterbildung? Wie werden weiterhin die Fachkräfte gesichert in Deutschland? Das alles und mehr: Im letzten Kapitel von „Die Zukunft der Arbeit: So qualifiziert sich Deutschland“. Ein Podcast vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Mein Name ist Heiko Behr.