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Gegen das Fachkräfte-Paradox

Ein Gastbeitrag des Bundesministers für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 5.11.2018

  • Anfang 05.11.2018

Deutschlands Arbeitsmarkt ist in hervorragender Verfassung: Erstmals seit der deutschen Einheit liegt die Arbeitslosenquote wieder unter 5 Prozent, herrscht in vielen Branchen und Regionen Vollbeschäftigung. Diese Entwicklung beschreibt gleichzeitig aber auch die nächste Herausforderung – denn angesichts der Nachwuchslücke und eines rasanten technischen Fortschritts durch die Digitalisierung wird das Thema Fachkräftesicherung zur Schicksalsfrage für den Standort Deutschland. Sie ist entscheidend für Deutschlands Wachstum und Wohlstand in der Zukunft.

Wir stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Schon jetzt werden in vielen Bereichen gutqualifizierte Fachkräfte händeringend gesucht – das gilt für den IT-Sektor genauso wie für das Handwerk oder soziale Dienstleistungen. Bereits heute kann beispielsweise die Suche nach einem Klempner zum Geduldspiel werden. Gleichzeitig entstehen rund um neue digitale Geschäftsideen auch neue Arbeitsplätze, für die geeignete Bewerberinnen und Bewerber noch viel zu oft fehlen. Hier liegen enorme Wachstumspotentiale brach, die wir gemeinsam heben müssen. Umgekehrt wird der technische Fortschritt in anderen Berufen und Regionen auch zu einem Jobabbau führen. Das betrifft die Industrie durch die fortschreitende Automatisierung, aber auch Einzelhandel und Banken – Dienstleistungsbranchen, in denen immer mehr Waren und Services online angeboten werden.

Die Zahlen des neuen Fachkräftemonitorings im Auftrag des Arbeitsministeriums zeigen: Allein in den kommenden sieben Jahren werden im Vergleich zu heute 1,3 Millionen Arbeitsplätze wegfallen und 2,1 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Das Ziel einer umfassenden Fachkräftestrategie muss es daher sein, ein Fachkräfte-Paradox von zunehmender Arbeitskräfteknappheit bei gleichzeitigem Arbeitskräfteüberschuss zu vermeiden.

Dazu werden wir mit den zuständigen Bundesministerien zusammen mit Ländern, Sozialpartnern, Kammern sowie der Bundesagentur für Arbeit die bisherigen Ansätze in einer gemeinsamen Fachkräftestrategie gezielt bündeln und verstärken. Dabei werden wir vor allem das inländische, aber auch das europäische und das internationale Fachkräfte-Potential in den Blick nehmen:

Wir werden erstens alles tun müssen, um das bereits vorhandene Potential auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu heben. Denn längst nicht alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können heute zeigen, was in ihnen steckt. Das betrifft vor allem Frauen, für die die Teilzeit in der Vergangenheit oft zur Teilzeit-Falle wurde. Mit der neuen Brückenteilzeit bauen wir eine Brücke in die Teilzeit und zurück in die vorherige Arbeitszeit. Gleichzeitig darf uns beim Übergang von der Schule in den Beruf kein junger Mensch verlorengehen.

Mehr denn je müssen wir zudem dafür sorgen, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von heute auch die Arbeit von morgen machen können. Denn die Arbeit wird uns auch in Zukunft nicht ausgehen – sie wird jedoch häufig eine andere sein. In Zukunft muss deswegen auch die Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stärker in den Fokus rücken, die heute bereits im Berufsleben stehen. Qualifizierung und Weiterbildung müssen selbstverständlich für jede Berufsbiographie werden. Die nationale Weiterbildungsstrategie ist daher eines unserer zentralen Vorhaben. Als ersten Schritt habe ich dazu das Qualifizierungschancengesetz auf den Weg gebracht, mit dem wir starke Anreize zur Weiterbildung für Unternehmen und Beschäftigte schaffen. Unser Ziel ist eine neue Weiterbildungskultur in unserem Land. Gerade von den Sozialpartnern kommen hierzu wichtige Anstöße. In Baden-Württemberg hat die IG Metall zusammen mit Gesamtmetall die "Agentur Q", eine tarifliche Regelung zu Weiterbildungskonzepten, entwickelt.

Der zweite Baustein der Fachkräftestrategie ist die Mobilität innerhalb der EU. Seit genau 50 Jahren gibt es die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Union, leisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus dem europäischen Ausland einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der deutschen Wirtschaft. Wir brauchen auch diese Fachkräfte dringender denn je und müssen daher dafür sorgen, dass der deutsche Arbeitsmarkt attraktiv bleibt unter anderem durch Verbesserungen im Bereich des Spracherwerbs und bei den Anerkennungsverfahren von Bildungs- und Berufsabschlüssen.

Drittens sind wir auch auf qualifizierte Einwanderung aus Staaten außerhalb Europas angewiesen. Mit den Eckpunkten für ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist uns nach jahrzehntelanger Debatte nun endlich ein Durchbruch gelungen. Wir werden darin klar und eindeutig regeln, wer zu Arbeits- und Ausbildungszwecken nach Deutschland kommen darf. Ausschlaggebend ist der Fachkräftebedarf unserer Wirtschaft. Die bestehenden Regelungen werden wir dahingehend gezielt öffnen und transparenter gestalten. Dabei wird ein Fokus auf der Gewinnung von Fachkräften mit qualifizierter Berufsausbildung liegen.

Mit diesem Dreiklang arbeiten wir dafür, dass wir auch morgen in Deutschland die gutqualifizierten Arbeitskräfte haben, die wir brauchen. Damit sichern wir die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und damit Wohlstand und soziale Sicherheit in unserem Land.