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"Soziales Unternehmertum heute unterstützen"

Interview von Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, mit der WELT

  • Datum 15.10.2019

Die Bundesregierung hat zum vierten Mal einen Preis für sozial verantwortliche Unternehmen ausgelobt, den Corporate Social Responsibility Preis (CSR-Preis). Dabei werden die besten Ideen, Ansätze und Konzepte im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens gekürt. Der Preis wird im Juni 2020 in drei verschiedenen Größenkategorien vergeben – für kleine, mittlere und große Unternehmen. Zudem gibt es Sonderpreise für verantwortungsvolles Lieferkettenmanagement und Digitalisierung. Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, leitet die Experten-Jury für den CSR-Preis.

WELT: Wie ist die Resonanz seitens der Unternehmen auf die Ausschreibung des CSR-Preises?

Björn Böhning: Wir haben die Bewerbungsfrist auf Wunsch von Unternehmen bis Ende Oktober verlängert. Es haben sich bereits zahlreiche kleinere Unternehmen und Großunternehmen beworben. Insbesondere Mittelständler möchten wir hiermit aber noch zur Teilnahme ermuntern. Bei der letzten Ausschreibung im Jahr 2017 hatten wir insgesamt mehr als 200 Bewerber – in diesem Jahr werden es voraussichtlich noch mehr sein.

WELT: Welches Ziel verfolgt die Bundesregierung mit dem CSR-Preis?

Björn Böhning: Wir wollen soziales Unternehmertum in der heutigen Zeit durch den Preis unterstützen, indem wir vorbildliche Unternehmen öffentlich sichtbar machen. Corporate Social Responsibility ist ein wichtiges Anliegen der Bundesregierung – und zwar nicht nur als Feigenblatt: Unternehmen haben zum einen eine soziale Verantwortung und zudem stellt verantwortungsbewusstes Handeln auch einen echten Wettbewerbsvorteil für die Unternehmen selbst dar. Im Wettlauf um Fachkräfte etwa haben verantwortungsbewusste Firmen die Nase vorn.

WELT: Inwieweit profitieren die Firmen von dem Preis?

Björn Böhning: Unternehmen, die mit dem Preis ausgezeichnet werden, können sich natürlich damit schmücken. Außerdem bekommt jedes teilnehmende Unternehmen ein detailliertes Feedback von Experten, in dem erläutert wird, wo ihre Stärken im CSR-Bereich liegen und wie sie sich gegebenenfalls noch besser aufstellen können. CSR soll ja nachhaltig Wirkung entfalten und mehr sein als nur ein Marketinginstrument.

WELT: Wie erfolgt die Auswahl der Preisträger?

Björn Böhning: Sie beruht auf einer wissenschaftlich fundierten, dreistufigen Analyse. Erste Stufe ist eine Befragung des Managements zu Unternehmensführung, Markt, Arbeitsplatz, Umwelt und Gemeinwesen. Für den Managementansatz, die jeweilige Implementierung im Unternehmen und schließlich die Ergebnisse und Wirkungen werden Punkte vergeben. Die fünf bestplatzierten Unternehmen in jeder Größenklasse kommen weiter. In der zweiten Phase gibt es eine sogenannte Stakeholder-Befragung, es werden unabhängige Außenstehende, beispielsweise der Betriebsrat, zu ihrer Einschätzung der CSR-Bemühungen des Unternehmens interviewt. Im letzten Schritt entscheidet die Jury aus Mitgliedern des nationalen CSR-Forums der Bundesregierung über die Sieger.

WELT: Gibt es Handlungsfelder, auf die in diesem Jahr besonderes Augenmerk gelegt wird?

Björn Böhning: Zwei Bereiche betrachten wir besonders gründlich: Digitalisierung und Lieferkettenmanagement. Bei der Digitalisierung geht es darum, Vertrauen in neue Technologien zu stärken und einen sensiblen Umgang mit Daten zu fördern. Schließlich soll der Mensch die Technologie kontrollieren und nicht umgekehrt, Außerdem wollen wir Unternehmen unterstützen, die ihren Fokus auf eine menschenzentrierte Digitalisierung richten – wie beispielsweise die Entwicklung eines digital gesteuerten Exoskeletts, das Pflegepersonal die schwere körperliche Arbeit erleichtert. Für das Lieferkettenmanagement gilt heutzutage, dass rund 80 Prozent aller Handelsgüter innerhalb einer globalen Lieferkette stehen. Insbesondere Mittelständler sind mit ihren Produkten oder Dienstleistungen oft selbst Teil der Lieferkette von Großunternehmen, tragen aber ihrerseits auch für ihre Zulieferer Verantwortung. Dass innerhalb der Lieferkette die Menschenrechte beachtet werden, Sorgfalt bei der Auswahl von Zulieferern und Transparenz herrschen, ist ein wichtiges Anliegen. Dabei haben Großunternehmen sicher andere Möglichkeiten als kleine und mittlere Unternehmen. Aber auch dort gibt es besondere Vorbilder wie etwa den Goldschmied aus Norddeutschland, der nur Gold verwendet, das in der Demokratischen Republik Kongo unter fairen Bedingungen gewonnen wird.

WELT: Ist verantwortungsbewusste Unternehmensführung im globalen Wettbewerb für Unternehmen vor allem ein Kostenfaktor? Oder vielmehr ein Pfund, mit dem sie angesichts von Umwelt- und Klimabewegungen wie "Fridays for Future" und einer durch soziale Medien quasi in Echtzeit über Skandale informierten Öffentlichkeit, wuchern können?

Björn Böhning: CSR-Management kostet Zeit, Geld und Anstrengung – das ist klar. Und es ist für Mittelständler nicht einfach, Transparenz über globale Lieferketten zu gewinnen. Trotzdem haben faire Lieferketten erhebliche wirtschaftliche Vorteile: Sie sind stabiler, liefern bessere Qualität und sind zuverlässiger. Außerdem haben wir in der Vergangenheit gesehen, dass infolge der alarmierenden Berichterstattung wie beispielsweise nach dem Einsturz einer Näherei in Bangladesch der Reputationsverlust für die Unternehmen riesig war und auch künftig sein kann. Es ändert sich auch die Einstellung der Verbraucher – sie achten immer mehr darauf, dass die Waren, die sie kaufen, nachhaltig produziert werden.

WELT: Was können insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen tun, um nachhaltig und verantwortlich zu handeln?

Björn Böhning: Viele Mittelständler machen bereits eine Menge. Sie engagieren sich für Aus- und Weiterbildung, unterstützen unterschiedlichste soziale Belange in ihrer Region oder setzen sich beispielsweise für Umweltschutz ein. Insgesamt muss das soziale Engagement zu dem jeweiligen Unternehmen passen. Kleinere Unternehmen haben zwar selten eigene große CSR-Abteilungen, aber das heißt ja nicht, dass sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten nicht einsetzen können.

WELT: Sehen Sie ein Comeback des fürsorglichen Unternehmens früherer Zeiten, als insbesondere Großunternehmen ihren Mitarbeitern neben der Bezahlung eine Rundum-Versorgung von der Werkswohnung über den Werkssportverein bis hin zum Kindergarten anboten?

Björn Böhning: Soziale Aktivitäten waren nie ganz weg, sind aber in den letzten Jahren vielleicht zu oft in den Hintergrund geraten. Das ändert sich nun – mit gutem Grund: Corporate Social Responsibility ist ein unternehmerisches Konzept. Es fördert das Ansehen von Unternehmen bei Kunden und Geschäftspartnern und es macht Unternehmen auch wirtschaftlich erfolgreicher.